BENI BISCHOF: ALTERED REALITY

DER KÜNSTLER BENI BISCHOF VERWANDELT AUTOS IN SKULPTUREN, DIE AUSSEHEN WIE RAUMSCHIFFE

Ich vergleiche immer die Hecks der Autos auf der Straße, weil Hecks sind meistens scheiße“, sagt Beni Bischof, ehemaliger Designer, jetzt Künstler. Mit Autos kennt er sich eigentlich nicht aus, behauptet er. Nur wenn es um das Emotionale an ihnen geht, da kann er mitreden. In seinen Arbeiten, vor allem den Fotografien und Skulpturen, beschäftigt er sich immer wieder mit ihnen.
Der Grund dafür ist vor allem, dass Autos so krass emotional aufgeladen sind, wie er sagt. Dass Konsum- und Luxusgüter den Konsumenten hypnotisieren und sich tief in sein Selbstbild eingraben, ist eines der Themen, die sich durch das Werk des Schweizers ziehen wie der Keilriemen durch den Motorraum.

In der Serie „Handicapped Cars“ modifizierte Bischof bestehende Autotypen, indem er die Reifen oder die Türöffnungen wegretuschierte. Die Ergebnisse wirken wie Raumschiffe, oder besser: wie Skulpturen. Es sind virtuelle Formen, die sich von der Wirklichkeit entfremdet haben, als hätte man sie – wie in dem Film „Die Fliege“ – von einem Ort zum anderen teleportiert, und auf dem Weg ist etwas schiefgegangen. Durch Bischofs Transformations-Prozesse werden die Autos zu einem zwecklosen Gegenstand, sie gehen ein in das Reich der Kunst, denn Kunst mag einen Sinn haben, aber niemals Gebrauchswert.

DIE "HANDICAPPED CARS" ÜBERWINDEN DIE SCHNÖDE WIRKLICHKEIT

In Bischofs Werk findet sich häufig eine Doppelbewegung: Die Faszination für die Konsumgüterwelt und ihre Allgegenwart treibt Bischofs Kunst gleichzeitig von ihr weg. Im Fall der Autos entsteht dadurch eine Poesie, die an Science-Fiction-Filme erinnert. Bei seinen Collagen, auf denen Bischof aufgepumpte Muskelmänner vor Sportwagen montiert und männliche Allmachtsphantasien karikiert, liegt in erster Linie ein Augenzwinkern, aber auch
eine Wut auf die Vulgarität einer konsumorientierten Gesellschaft. Für die Skulptur „Superklumpen fährt Jeep“ träufelte Bischof einen Wachsberg in einen Fahrautomat für Kinder. Kerzenromantik ohne Kerze in Verbindung mit einem Kinderspielzeug – es scheint, als wolle Bischof die jugendliche Innerlichkeit verhöhnen, die bei Kerzenlicht in der Studentenbude herbeiphilosophiert wird. Von den Träumen, die dabei gesponnen werden,
bleibt nicht mehr als ein Klumpen Wachs und ein Spielzeugauto, so könnte man den
Schweizer verstehen. Die Wurzeln für Bischofs Kunst liegen im Alltag: „Ich will ihn ein
bisschen spannender machen. Ich nehme meine Umgebung als Herausforderung wahr.
Ich wähle für meine Arbeiten häufig normale Gegenstände und mache sie interessanter
und poetischer.“

Diese Gegenstände fallen ihm meistens erst dann auf, wenn er sie sehr lange anschaut oder sie ihm regelmäßig im Alltag begegnen. Vielleicht braucht Bischofs Kunst deshalb die Ruhe eines Ortes wie St. Gallen, wo er lebt. In der großen Stadt rauscht zu vieles zu schnell an einem vorbei, ohne dass es einem auffallen würde. „Außerdem ist Zürich mit dem Zug ja nur 60 Minuten entfernt. Mit dem Ford Mustang wären es nur 35 Minuten“, sagt Bischof. Einen Mustang besitzt er nicht und mit dem Honda Civic seiner Freundin baute er vor Kurzem einen Unfall, in dem er in ein Fahrschulauto crashte. Aber wie in der Kunst steht der Mustang für ein „als ob“. Die Vorstellung, wie es wäre, mit einem Mustang durch die Berge nach Zürich zu rasen. Das ist wie mit den Autos, die in der Serie „Handicapped Cars“ über dem Boden schweben: Sie überwinden die schnöde Wirklichkeit. Bei Bischof ist Kunst ein Ort der Träume, der schönen wie der Albträume.

Text: Hendrik Lakeberg
Dieser Artikel ist erschienen in der Intersection Nr.9

 

Beni Bischof ist Teil der Ausstellung „DRIVE DROVEN DRIVEN Cars in Contemporary Photography“, die vom 28.Januar 2018 bis zum 8.April in der Kommunalen Galerie, Hohenzollerndamm 176, stattfindet.

Die Ausstellung ist von Matthias Harder kuratiert und zeigt Arbeiten von Clara Bahlsen, Jürgen Baumann, Xiomara Bender, Beni Bischof, Daniela Comani, Stephan Erfurt, Larry Ferguson, Aris Georgiou, Oliver Godow, James Hendrickson, Charles Johnstone, Martin Klimas, Jens Liebchen, Serge Marcel Martinot, Arwed Messmer, Ralf Meyer, Bernhard Moosbauer, Melina Papageorgiou, Philipp von Recklinghausen, Christian Rothmann, Marc Volk, Maurice Weiss und Michael Witte.

www.kommunalegalerie-berlin.de

 

 

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