DJ Hell über Autos, Stil und Techno

WENN DIE DEUTSCHE TECHNO-IKONE DJ HELL NICHT GERADE IN DEN CLUBS DIESER WELT FUR ERHABENE MOMENTE SORGT, ENTSPANNT ER IN SEINEM HAUS AM CHIEMSEE. UND DAS NATURLICH STILVOLL, WIE ES SICH FUR EINEN GIGOLO GEHÖRT. EIN GESPRÄCH UBER DAS ALTER WERDEN, P. DIDDY UND SEINE LIEBE FUR BMW.

DJ Hell, was macht die Musik?

Ich arbeite an einem neuen Album und bin zurzeit sehr produktiv. Solche Prozesse brauchen aber ihre Zeit. Es ist wichtig, Ideen ruhen zu lassen und mit Abstand immer wieder neu an das Thema ranzugehen. Aber ich lege auch noch jedes Wochenende auf und die Reisen nehmen ebenfalls viel Zeit in Anspruch. It’s a never ending world tour.

„Teufelswerk“, dein letztes Album, ist jetzt auch ein paar Jahre her. Was hat uns beim neuen Album zu erwarten? Du arbeitest auch diesmal mit Peter Kruder zusammen, richtig?

Ich verbringe momentan viel Zeit im Studio in Wien mit Peter Kruder & Roberto di Gioia und versuche dabei vor allem Erwartungshaltungen nicht zu erfüllen.

Wie macht man das?

Man muss immer am Abgrund des bereits Erschaffenen arbeiten. Musikarbeiten neu definieren und überdenken – Neuland betreten. Themen bearbeiten, mit denen ich noch nicht in Berührung gekommen bin. Ich schreibe viele Songtexte im Moment. Auch wenn sich die Sounds weitestgehend im elektronischen Umfeld abspielen, handelt es sich bei vielen doch um Liebeslieder (lovesongs). Es geht um Begegnungen zwischen Mann und Frau, aber auch Mann zu Mann. Musikalisch waren diesmal afrikanische Voodoo-Musik, Kraftwerk, Beach Boys und David Bowie ein starker Impuls.

Singst du deine Songs selber?

Ich bin der schlechteste Sänger, den man sich vorstellen kann. DJs sollten auch nicht singen. Das ist in den letzten Jahren ausgeartet. Das sollte man lieber den Profis überlassen, sonst geht das nur schief. Ich stehe in Kontakt mit verschiedenen Sängerinnen und Sängern. Künstlern, die ihr Handwerk verstehen.

Das Album wird auf deinem eigenen Label Gigolo erscheinen?

Das ist so geplant. Mein letztes Album erschien ja auch auf Gigolo, war in den Media-Control-Charts und wurde für den Echo nominiert – ohne Hilfe eines Major Lables. Jedes Mal wenn ich mit Majors gearbeitet habe, war das am Ende ein großes Missverständnis. Bis hin zur künstlerischen Blockade.

Du bist jetzt schon seit den späten 70ern als DJ dabei, hast Techno, Electro und House maßgeblich mitbestimmt – was flasht einen heute noch?

Diese erhabenen, magischen, fast religiösen Momente habe ich noch bei jedem DJ-Set. Ich versuche jedes Wochenende etwas zu vermitteln, ohne dabei oberlehrerhaft aufzutreten. Man muss auf die Leute eingehen. Wenn ich in Mexiko spiele, ist es ein anderes Setup, ein anderes Verständnis als in Rio oder Buenos Aires. Mich reizt es, die Ursprünge von House und Techno mit der Moderne zusammenzuführen. Da gibt es immer wieder unvorhersehbare Momente, die einen flashen. Ich weiß ja an keinem Wochenende, was mich erwartet!

Du hast mit Bryan Ferry und P. Diddy zusammen gearbeitet. Was lernt man von solchen Persönlichkeiten? 

Bei Puffy lernt man, wie man Leuten Aufmerksamkeit schenkt und wie man Menschen motiviert. Und dass es reicht, drei bis vier Stunden zu schlafen, um am nächsten Tag mit voller Energie weiterzumachen. P. Diddy ist in der Lage, Teams aufzustellen und alle auf das höchstmögliche Level zu pushen. Das ist seine große Kunst. Er ist ein großer Manipulator und Motivator in fast schon überirdischen Dimensionen. Ich habe das erlebt und es ist direkt auf mich übergesprungen. Bryan Ferry ist ein edler Staatsmann und einer der unverwechselbarsten und charismatischsten Stimmen der zeitgenössischen Unterhaltungsmusik. Ein absoluter Gentleman und großartiger Gesprächspartner. Vater von vier Söhnen und im hohen Alter noch immer ausgesprochen kreativ. Bryan ist mittlerweile 70 und noch immer elegant, stylish und ein großes Vorbild für viele. Ein fantastischer Künstler, mit umfassendem stilprägendem Gesamtkunstwerk, der noch immer viele inspiriert.

Du bist vor einiger Zeit aus Berlin wieder weggezogen.

Nicht unbedingt. Ich habe zwar meine Wohnung aufgegeben, aber ich bin mindestens zweimal im Monat in Berlin und lebe dann im Hotel. Das Label und die Pressestelle sind noch immer in Berlin und ich lege hier regelmäßig auf. Es ist einfach eine andere Definition von In-Berlin-Wohnen. In der Nähe von München habe ich vor einiger Zeit ein Haus auf dem Land in der Nähe der Berge bezogen.

Wie ist es, auf dem Land zu leben?

Ich bin dort sehr gerne unter der Woche. Am Wochenende bin ich meistens unterwegs. Da gibt es immer was zu tun und ich bin dort vor allem sportlich aktiv. Im Winter würde ich gerne meine Auftritte und verlängerten Urlaube in Südamerika fortsetzen.

Lass uns über deine Autos sprechen.

Ich fahre seit über 20 Jahren einen alten Ford Mustang, Baujahr 1965. Eine 5-Liter-Maschine mit acht Zylindern, dunkelgrün mit schwarzen Ledersitzen. Hier kam die Inspiration aus dem Film „Bullitt“ mit Steve McQueen und daher musste es genau das Modell sein. Auf langen Strecken bin ich mit einem BMW 530d xDrive unterwegs, der mich zu meinen Auftritten begleitet, wenn die Locations von München nicht weiter als 400 km entfernt sind. Dann habe ich noch einen verlängerten Mercedes und wir überlegen gerade, den für das nächste Album als Tourmobil in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu nutzen. Er hat sechs Sitzplätze, quasi eine Stretchlimousine. Der Wagen wurde in Holland in der Mitte auseinander geschnitten und verlängert und sieht spektakulär aus. Obwohl der nur vier Zylinder und unfassbare 75 PS hat! Er fährt sich komfortabel und ist sehr geräumig – ein fahrendes Schlafzimmer.

Was reizt dich an Autos?

Ich war als Kind schon Autofreak, mit Formel-1-Autotapeten im Kinderzimmer. Mein Vater fuhr eine Isetta, der Einstieg war nur von vorne möglich. Irgendwann ist er auf VW-Busse umgestiegen. Das war dann leider wenig spektakulär. Mich interessieren schon immer extravagante, sportliche und futuristische Designs und ich fahre sehr gerne selber. Im Jahr sind es mindestens 50.000 Kilometer. Im Auto höre ich viel Musik und bin ganz für mich. Der 5er ist das perfekte DJ-Fortbewegungsmittel. Ein hochintelligentes Auto mit allem, was man sich wünscht. Seit zehn, zwölf Jahren fahre ich immer das aktuellste Modell der Baureihe. Für meine Ansprüche ist es das ideale Auto.

DJs lassen sich gemeinhin lieber fahren. Das kommt dir nicht in die Tüte?

Wenn ich im Ausland bin, dann gibt es natürlich immer Fahrer, die einen abholen. Kürzlich wurde ich in den USA mit einem Tesla abgeholt und das fand ich äußerst reizvoll. Das Fahrgefühl, Drehmoment und die Innenausstattung fand ich bahnbrechend. Bei Festivals wird man gerne mit einem Van oder Bus abgeholt, was ich nicht so gerne mag. Man ist ja vom Flughafen oft noch ein bis zwei Stunden unterwegs und dann finde ich schon gut, wenn es komfortabel ist.

Hat man als Münchener eine besondere Beziehung zu BMW?

Durchaus. Ich finde die Geschichte interessant. Die M-Modelle, auch die Renngeschichte. In den 70ern waren es die 3er und 6er. In den 80ern fand ich die 8er-Reihe großartig und hoffe natürlich wie alle BMW-Fahrer auf eine Wiederbelebung. BMW fand ich immer am futurististischsten im Design. Mit der Sportlichkeit und dem Fahrgefühl gibt es da immer das perfekte Paket. Ich habe auch Audi, Volvo und Mercedes getestet. Aber BMW war für mich immer das kompakteste und beste Automobil.

"BEI PUFFY LERNT MAN, WIE MAN LEUTEN AUFMERKSAMKEIT SCHENKT UND WIE MAN MENSCHEN MOTIVIERT. UND DAS ES REICHT, DREI BIS VIER STUNDEN ZU SCHLAFEN"

Verhält es sich dabei wie die Liebe zum FC Bayern München?

Da würde ich nicht so weit gehen. BMW könnte meinetwegen auch in Stuttgart hergestellt werden. Da handelt es sich nicht um Lokalpatriotismus, das ist anders als beim Fußball. Dort wird man eher reingeboren und in München ist der FC Bayern ja immer irgendwie ein Thema.

Welches Auto steht noch auf deiner Wunschliste?

Ich liebe natürlich klassisches italienisches Sportwagen-Design, aber das meiste davon ist ja unerschwinglich. Ich hätte aber wirklich gerne einen BMW i8. Ich würde gerne ein Elektroauto fahren. Das kann natürlich auch ein Tesla sein. In der Stadt würde ich mich ausschließlich elektrisch fortbewegen. Ich wünsche mir elektrische Motoren, vor allem aber auch für öffentliche Verkehrsmittel und Taxis. Hier hängt Deutschland leider um Jahrzehnte hinterher.

Was bedeutet Stil für dich?

Das verändert sich natürlich im Laufe der Jahre. Gerade in den 90ern war es ein No-Go in der Techno-Szene, wenn man sich als DJ inszeniert und verkleidet hat. Überhaupt Aufmerksamkeit der Außendarstellung zu widmen, war schlichtweg verpönt. Für mich als DJ ist es aber auch ein wichtiges Element, wenn man auf einer Bühne steht und eine logische Konsequenz, Mode, Musik und Kunst zusammenzuführen. Mit Gigolo hatten wir das Ende 90er aufgebrochen und heute ist es Standard, dass sich DJs gut für ihre Auftritte kleiden und inszenieren. Wir haben bei Gigolo immer mit Designern zusammen gearbeitet und haben Bühnenoutfits entwickelt. Mode und Musik waren für mich sich gegenseitig inspirierende Pole und sind es noch immer.

Was macht guten Stil aus?

Es muss selbstverständlich aussehen. Wenn eine Kombination simpel, aber dennoch durchdacht ist. Guter Stil bedeutet auch Zurückhaltung. Die Frauen in Paris sind ein gutes Beispiel für guten Stil. Da werden Looks kombiniert, die wie selbstverständlich wirken.

Hast du ein persönliches Lieblingsstück?

Ich sammle Brillen. Am liebsten Porsche Design und Ray-ban, originale Klassiker. Ich zähle sie aber nicht. Ich hege und pflege sie und man findet immer wieder schöne Vintage-Modelle, ob im Internet oder auf dem Flohmarkt.

Welche drei Dinge braucht es, um ein erfolgreicher Gentleman oder Gigolo zu sein?

Man braucht perfekte Umgangsformen. Man sollte höflich und zuvorkommend sein – immer aufmerksam. Man sollte ein elegantes Auftreten an den Tag legen und ein sicheres Händchen für Styling und nicht zuletzt muss man sich ausgewählt ausdrücken können. Eine charmante Sprache und Ausdrucksweise sind das A und O. Diese Dinge müssen leicht von der Hand gehen und zusammenfließen. Vor allem muss es selbstverständlich und ohne große Anstrengung vonstatten gehen.

 

Interview: Ji-Hun Kim

Bilder: Julian Baumann

 

Der Beitrag erschien in INTERSECTION Nr. 26.

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