Sound-Panzer

DER KUNSTlER NIK NOwaK HaT fUR DaS MUSEUM MaRTa DIE aUSSTEllUNg „BOOSTER“ KURaTIERT. DIE SCHaU, IN DER ER aUCH EIgENE aRBEITEN zEIgT, IST EIN PaNOPTIKUM zUM THEMa MOBIlITaT UND SOUND gEwORDEN.
DIE ENTSCHEIDENDE fRagE, DIE SIE aUfwIRfT: waS vERBINDET EIgENTlICH aUTOTUNINg, jaMaIKaNISCHE SOUNDSySTEME UND aKUSTISCHE waffEN?

Nik Nowak, Panzer, 2011

Die historische Spanne der Ausstellung „Booster“ ist sehr breit. Sie reicht von dem Futuristen Luigi Russolo bis in die Gegenwart. Wie hat sich der Umgang mit Sound und Mobilität in der Kunst in dieser Zeit verändert?

Durch die experimentelle Verwendung von Technologie entstehen neue Konzepte. Die Maschinen veränderten die Kunst und die Musik. Natürlich landet man dann schnell im frühen 20. Jahr- hundert, also bei Luigi Russolo und den Futuristen, weil sie Ähnliches in ihren Manifesten proklamierten: Die Maschine muss Teil der Kunst werden, weil sie aus dem Alltag der Menschen nicht mehr wegzudenken ist. Als ich selbst angefangen habe, in diesem Feld künstlerisch zu arbeiten, war es eine persönliche und intuitive Entscheidung. Mir war am Anfang unklar, ob meine eigenen mobilen Soundsysteme überhaupt Kunst sind oder als Objekt oder Skulptur funktionieren oder Sinn ergeben. Kunstgeschichtlich jedoch gab es immer wieder Figuren, die sich gleichzeitig als Ingenieur, Musiker und Künstler verstanden haben. Klaus Stockhausen oder John Cage zum Bei- spiel. Der Umgang mit Maschinen in der Kulturproduktion hat nicht nur die Formen, sondern auch den Sound verändert, während Stockhausen oder

Steve Reich noch mit Bandmaschinen experimentell Musik auf Loops aufgebaut haben, basiert das Prinzip der Populärmusik heute auf Loops und Samples. Die Verwendung von Drumcomputern und Samplern wiederum hat nicht nur den Sound unserer Zeit revolutioniert, sondern auch unser Selbstbild verändert. In der Ausstellung Booster steht jedoch vor allem das mobile Soundsystem als kultureller Transmitter im Fokus und der Sound als identitätsbildendes Element.

Im popkulturellen Sinne?

Ja, auch. Bei Lothar Baumgarten jedoch geht es aber zum Beispiel auch um Sprache, um das eigene und das andere. In seinem Saab 900 hören wir in der Ausstellung Aufnahmen aus den 70er-Jahren von Ritualen der Yanoma- mi-Indianer, einem indigenen Stamm des Amazonas-Gebietes.

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es den Willen die Welt als Ganzes neu gestalten zu wollen. Worum geht es heute? Verstehen Sie Ihre Sound- skulpturen zum Beispiel als futuristisch?

Mir geht es in meiner Arbeit in erster Linie um eine Analyse von Phänomenen, die uns umgeben. Zum Beispiel um akustische Kriegsführung oder urbane Guerilla-Strategien zur Besetzung von Raum durch Sound. So etwas wie Erfindergeist spielt für mich keine Rolle. Ich komme aus einer skeptischen Generation. wir wissen, dass Innovation immer auch fraglich sein kann. Denken Sie zum Beispiel an die Atomkraft oder die Atombombe. Es geht mir darum, technische Entwick- lungen nachzuvollziehen und den Umgang damit zu reflektieren.

 

"DIE TUNER vERwENDEN URBaNE gUERIlla-STRaTEgIEN, DIE MaN IN DER aKUSTISCHEN KRIEgSfUHRUNg
gENaU SO wIEDERfINDET"

Was bedeutet analytisch genau? nehmen wir eine Ihrer Arbeiten, die in der Ausstellung „Booster“ steht.
Ich zeige den sogenannten Soundpanzer. Einen hybrit aus militärisch anmutendem Soundsystem und mobiler Diskothek. Ich kreuze die Guerilla- Strategie karibischer Soundsysteme mit der Anmutung der Maschinerie der akustischen Kriegsführung, wie wir sie zum Beispiel in Form des amerikanischen Sonic Tanks im zweiten Weltkrieg finden. Meine Arbeiten beruhen meist auf kontroversen Beobachtungen, die dann in einer Skulptur ihre Form finden. In der Kultur der jamaikanischen Soundsysteme spielt der Soundclash, das Battle zweier Soundsysteme, eine große Rolle. Vor allem aber wurde im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung Jamaicas ein akkustischer Raum für Diskurse zu Kolonialgeschichte und Geschlechterrollen geschaffen. Es ging um die Unabhängigkeit einer Jugendbewegung durch die Macht von Sounds. Eine ähnlich ikonografische Rolle spielt der Ghettoblaster im amerikanischen Hip-Hop. während zivile Soundsysteme die Machtverhältnisse revolutionierten, kamen auch Panzer mit Lautsprechern im Zuge der psychologischen Kriegsführung zum Einsatz. Für mich ist eine neue Arbeit auch immer in gewisser weise eine Forschungsreise in die Geschichte der mobilen Soundsysteme.

 

Carlos Solon a.k.a. Deine, La Casa De Mi Abuela (Ghost Bike Memorial), 2011

James Cauty, Advanced Acoustic Armaments Reverse Engineered Archive Documents, 1995 - 1997

Tom Sachs, Negro Music, 2008

Warum braucht der Sound in Ihren Beispielen immer auch die Mobilität?

Interessant ist: Eigentlich bräuchte man mobile Soundsysteme heute im eigentlichen Sinne gar nicht mehr. wir sind durch das Internet, durch Smartphones und Tablets ständig vernetzt. Man benötigt also eigentlich kein Ge- fährt mehr, um einen Sound von einer in die andere Sphäre zu transportieren. Dabei entsteht aber ein Dilemma: Durch die Vernetzung befindet man sich in einer Art Echokammer. wie bei Google bekommt man das, was einen ohnehin interessiert, noch mal durch Empfehlungen oder Werbung zurückgespielt. Man glaubt neue Entdeckun- gen zu machen, aber man befindet

sich in Wahrheit in einer Art Spiegelzimmer. Die mobilen Soundsysteme führen allerdings zu einem Clash, gerade weil sie anachronistisch und lokal verhaftet sind. Bei dem Google-Phänomen findet eigentlich kein Diskurs statt, man ist von vornherein in einer affirmativen Situation. Mobile Soundsysteme erzeugen jedoch eine lokale Situation. Die Objekte haben immer einen Bezug zu ihrer lokalen Herkunft und die ist nicht überall gleich. Trotz absoluter Vernetzung gibt es lokale Ei- genarten.

Den Clash akustischer Sphären führen uns Autotuner wunderbar vor: Bei dem Autotuning geht es um eine extreme Form der Selbstbeschallung, indem man sich selber durch die Lautstärke der Anlage alarmiert. Aber auch seine Umwelt in ein ungewohntes Soundspektrum taucht. wenn ich beispielsweise im Auto sitze und Deutschland- funk höre und auf einmal die Scheiben zu vibrieren beginnen, weil der Nachbar an der Ampel die Anlage laut aufgedreht hat, dann drehe ich mich zur Seite und bin abgelenkt. während die Ampel noch rot ist, fährt der Tuner los, und ich selber würge fast den wagen ab, weil ich denke: was ist denn hier los? Den Chicagoer Künstler Carlos Rolon habe ich passend dazu mit der Arbeit „Pimp Juice“ – einen tiefergelegten Straßenkreuzer, der hydraulisch im Takt der Musik springen kann – in die Ausstellung integriert.

Dem Tuner geht also darum, das Gelände zu markieren?
Ja, das sind urbane Guerilla-Strategien, die man in der akustischen Kriegsführung genau so wiederfindet.

Dass es um Sound in Verbindung mit Bewegung geht, war das ein Problem, weil die Arbeiten ja stehen und sich nicht bewegen? 

Nein, das ist kein Problem. Denn die Arbeiten sind mit extrem vielen lokalen sozialen und kulturellen Referenzen gespickt. Es sind Objekte, an denen man sehr viel ablesen kann – utopische Gerätschaften, die nicht unbedingt funktionieren müssen.

 

Dieser Beitrag ist in Intersection Nr. 17 erschienen.

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