The Kills über Stutz und Rock ’n‘ Roll

ZU BEGINN DER NULLERJAHRE HABEN THE KILLS DEN ROCK’N’ROLL ERNEUERT, 16 JAHRE SPATER BRENNEN SIE NOCH IMMER. UND ZWAR NICHT NUR FÜR MUSIK, SONDERN AUCH FUR ALTE AUTOS. BESONDERS BEGEISTERT SIND SIE VOM STUTZ BLACKHAWK, DEM LIEBLINGSAUTO VON ELVIS.

Verliert man als eine Band, die wie ihr pausenlos auf Tour ist, manchmal die Orientierung?

Alison Mosshart: Wir leben in einer Welt, in der du in dein Hotel kommst, aus dem Fenster schaust und immer die gleiche Stadt siehst. Manchmal fällt es wirklich schwer sich zurechtzufinden.

Jamie Hince: Wenn ich früher in eine Stadt gekommen bin, habe ich mir immer die identitätsstiftenden Orte angeschaut. Die Hansa-Studios in Berlin, in denen David Bowie das Album „Heroes“ aufgenommen hat, das Chelsea Hotel in New York …

… in dem viele berühmte Musiker und Künstler, darunter Andy Warhols Superstars, gewohnt haben …

JH: … genau. Aber das hat irgendwann aufgehört. Das Leben ist viel konsumorientierter geworden, alles sieht gleich aus. Als Künstler müssen wir diese Kultur einsaugen und wieder ausspucken. So hat es der jüngst verstorbene David Bowie bis zum Ende gemacht. Ich bekomme gerade richtig Gänsehaut, wenn ich an ihn denke. Bowie war wichtig für euch?

Jamie: Absolut.

Auch als Stil-Ikone?

Alison: Klar!

Jamie: Als Teenager sah ich den Film „The Man Who Fell To Earth“ mit Bowie in der Hauptrolle. Am darauffolgenden Tag färbte ich mein Haar orange, das war dann mein Look. Alison: (lacht). Es ist faszinierend, wie lange Bowies Karriere anhielt. Die vielen Male, die er sich wieder und wieder neu erfand, völlig furchtlos und ohne sich jemals zu wiederholen. Wie befreiend das für mich als Künstlerin immer wirkte. Als ihr begonnen habt The Kills zu sein, nahmt ihr euch beide die Bühnennamen Hotel und VV.

Alison: Wir wollten einfach herausfinden wer wir sein wollten, und waren fest entschlossen, unser eigenes Ding zu machen.

Ist es schwerer geworden, unabhängig und originell zu sein?

Jamie Hince: Das kommt darauf an. Die Gitarrenmusik hat das Problem, dass sie anders als Hip Hop, Techno oder R ’n’ B weniger experimentierfreudig ist, dafür umso sehnsüchtiger der Zeit der alten Rock-Legenden nachtrauert. Junge Musiker wollen sein wie Led Zeppelin, Bowie oder die Rolling Stones.

Alison: Weil sie diese Musik lieben, sollte nicht jeder machen, was er denkt?

Jamie: Vielleicht, aber die Attitüde hinter Punk und Rock ’n’ Roll ist wichtiger geworden als die Musik selbst. Rock ’n’ Roll ist ein fucking Adjektiv. Courtney Love hat gesagt, Rock ’n’ Roll sei tot.

Alison: Niemand mag es halt, in eine Schublade gesteckt zu werden.

Jamie: Ja, aber das ist eben nur so bei den Gitarren-Bands. Jazzmusiker nennen sich Jazzmusiker, Hip Hopper nennen sich Hip Hopper. Mir scheint das ein Komplex von weißen Kids aus der Mittelklasse zu sein, die Angst haben, nicht real zu wirken.

Der Sohn von Vivienne Westwood hat angekündigt …

Jamie: … seine Sammlung von Punk-Devotionalien zu verbrennen, ja.

Alison: Oh, wow …

Ist das wieder nur Pose?

Jamie: Ich kenne Joseph Corre, er war bei meiner Hochzeit und ist ein sehr herausfordernder Typ, wirklich genial. Ich glaube, er hat einen Nerv getroffen. Punk war ein Akt der Rebellion … … eine Rebellion, die kurz und hell brannte.

Jamie: Genau! Es ging um die Jugend, Punk war eine Explosion. Corre stellt unseren Fetisch für materielle Objekte infrage. Die Vorstellung einer Musealisierung von Punk und Rock ’n’ Roll finde ich verrückt.

Alison, du hast seit einiger Zeit eine Wohnung in Nashville, Tennessee, dem Mekka der Country-Musik. Was zog dich dorthin?

Alison: Vor 10 Jahren hätte ich noch keinen Fuß nach Nashville gesetzt, heute geht es dort längst nicht mehr nur um Country. Die Stadt ist ein kreatives Zentrum geworden, weil der Lebensunterhalt relativ günstig ist und die Infrastruktur stimmt. So wie zuvor in Portland oder Detroit.

"DIE ATTITUDE HINTER PUNK UND ROCK ’N’ ROLL IST WICHTIGER GEWORDEN ALS DIE MUSIK SELBST.
ROCK’N’ROLL IST EIN FUCKING ADJEKTIV"

Verbringt ihr Zeit zusammen dort?

Beide: Ja!

Jamie: Da wir in London unser Hauptquartier haben und ich meinen Wohnsitz nach LA verschoben habe, ist Nashville auf halber Strecke so etwas wie unser Proberaum geworden.

Jamie, stimmt es, dass du für zwei Wochen alleine mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs warst, mit nicht viel mehr Gepäck als deiner Gitarre und einem Notizblock?

Jamie: Ja.

Alison: Ich habe ihn einfach ziehen lassen.

Jamie: Wenn wir Songs schreiben, arbeiten wir völlig getrennt voneinander, dann sind wir Inseln, zwei kleine Diktatoren an verschiedenen Enden der Welt.

Warum Sibirien?

Jamie: Mir ist vor einiger Zeit der russische Fotograf Nikolay Bakharev aufgefallen. Jahrzehntelang fotografierte er in Sibirien die Arbeiterklasse. Seine Modelle waren fast immer nackt, aber das hatte nichts Erotisches oder Sexuelles. Es sind wunderbare Bilder, die die Spuren zeigen, die das Leben hinterlassen hat. Streng und hart, aber wunderschön. Wir wollten diese Fahrt gemeinsam machen, leider wurde er krank. Also fuhr ich alleine los. Die Popkultur ist aus der Jugendkultur der Working Class heraus entstanden.

Warum ist das heute nicht mehr so?

Jamie: Zumindest im Rock ist das nicht mehr so und damit kommen wir zum Beginn des Gesprächs zurück. Working Class Kids schreiben auf einer 3€ App Beats auf dem Ipad. Wer Gitarren und Verstärker kauft, sich einen Proberaum mietet und Rock ’n’ Roll spielt, das sind die Rich Kids.

Alison: Zu Beginn von The Kills übten wir in einem Wandschrank, in dem man nicht mal aufrecht stehen konnte und auf dem Boden sitzen musste. Den Wandschrank hatte uns ein Tischler isoliert und man musste über eine Leiter steigen um herein zu kommen.

Jamie: (lacht) Wer früher in Sheffield oder Manchester aufgewachsen ist, gründete eine Band um aus seinem Drecksloch raus zu kommen. Heute ist eine Gitarrenband mehr oder weniger zu einem eitlen Hobby geworden.

Gibt es keine Ausnahmen?

Jamie: Ich liebe The Fat White Family. Das ist eine der ganz wenigen zeitgenössischen Bands, die dem Establishment den Mittelfinger entgegen strecken. Wenn ich 17 Jahre alt wäre, dann würde ich gerne in deren Gang sein. Etwas gefährlich und furchteinflößend und dazu einfach gute Musik.

Vor kurzem ist eure neue Single Doing it to Death erschienen …

Jamie: Ja, im Song geht es um diesen endlosen Kreislauf von Parties und Vergnügungssucht.

Doing it to Death ist der Titel eines James Brown Stückes.

Jamie: Stimmt, seine Musiker fragten ihn immer: „wie lange sollen wir diesen Teil spielen, acht oder 16 Takte“? Und James antwortete dann immer: „We’re doing it to death“. Heißt, bis zum Exzess.

Im Video sieht man gleich zu Beginn eine lange Parade von Lincoln Continentals. Überhaupt scheint ihr große Autofans zu sein. Wie hat euch der Stutz gefallen, mit dem wir euch fotografiert haben?

Alison: Ich liebe den Stutz Blackhawk, was für ein besonderes Auto. Ich kannte den Wagen von einem Ausflug nach Graceland. Elvis hatte vier Stück davon. Aber da stand er hinter einer Kordel aus Samt, nun durfte ich ihn zum ersten Mal berühren. Wie aufregend! Er sieht aus wie das Batmobil.

Woher kommt eure Begeisterung für Autos?

Jamie: Keine Ahnung, ich liebe sie einfach. Ich hatte schon einen 1962’er Dennis Fire Engine Feuerwehrwagen mit einem 8-Zylinder Motor von Rolls Royce, einen Landrover von 1958, einen Porsche 911 …

Alison: Mein Vater war Gebrauchtwagenhändler. Ich bin umgeben von Autos aufgewachsen und habe immer gefragt: Was ist das denn für ein Modell, Dad?! Jeden Tag ist er mit einem neuen Wagen nach Hause gekommen.

Jamie: Diese Verbindung habe ich noch nie gecheckt!

Alison: Wirklich?

Jamie: Ja, ich habe nie verstanden, dass das der Grund ist, warum du so auf Autos stehst. Sie mag Muscle Cars, wie cool ist das denn bitte für ein Mädchen!

Ihr wirkt sehr vertraut, arbeitet jetzt aber schon seit bald 16 Jahren zusammen. Habt ihr jemals gedacht, wir machen dass jetzt schon so lange, es reicht?

Alison: Nicht wirklich. Ich war absolut bereit die neue Platte aufzunehmen. Die Zeit war reif. Ich liebe es auf der Bühne zu stehen und dafür brauchst du einfach neues Material. Wir sind zwei Menschen mit sehr speziellen Vorstellungen die trotzdem perfekt harmonieren. Das ist unser Glück.

Jamie: Wir haben uns gemeinsam auf eine sehr eigene Reise begeben. Kommt an Bord wenn es euch interessiert und ansonsten fuck off!

Interview: Ruben Donsbach, Alina Amato

Fotos: Irina Gavrich

Dieser Beitrag erschien in INTERSECTION Nr. 26

 

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