Kann VR unser Klima retten?

Immer mehr Stimmen werden laut, die behaupten, mit VR die Umwelt retten zu können. Nun meldete sich auch Mark Zuckerberg zu Wort, der uns mithilfe von VR davon überzeugen möchte, mehr zuhause zu bleiben. Doch wo Stimmen, da auch Gegenstimmen.

Bild: Oculus

Mithilfe von VR die Umwelt retten zu wollen, ist an sich keine neue Idee. Bereits 2017 entwickelte ein Team der Stanford Universität (USA) ein Virtual-Reality-Spiel, das dem Spieler die Auswirkungen seines Handels auf die Umwelt wortwörtlich vor Augen führt, indem es ihn virtuell an den Ort bringt, an dem die Fische sterben, Gletscher schmelzen und Quadratkilometer große Inseln aus Plastik umher schwimmen. Einen völlig anderen Ansatz zur Nutzung von VR im Kampf gegen die Umweltzerstörung lieferte nun allerdings niemand geringeres als Facebook Gründer und CEO Mark Zuckerberg.

In einem Interview mit Information letzten Monat bezeichnete Zuckerberg VR als die Technologie, die den Planeten retten könne. Sein Ziel sei es, VR-Headsets so weiterzuentwickeln, dass wir uns jederzeit frei durch die Welt teleportieren und uns mit Freunden treffen können, ohne dabei rausgehen zu müssen. Seine Vision: Niemand verlässt noch unnötig sein Zuhause und verringert damit seinen ökologischen Fußabdruck. Ein mögliches Szenario, das uns allen wohl bekannt vorkommen müsste. Und es ist wahr: Durch Social Distancing und Quarantäne hat sich die Luftqualität nachweislich verbessert und der Ausstoß von Treibhausgasen verringert. Wahr ist allerdings auch, dass sich die Freude darüber bei den meisten wohl in Grenzen hält, die seit über einem Jahr darauf warten, ihr normales Leben zurückzubekommen.

„Natürlich wird es auch weiterhin Autos, Flugzeuge und all das geben,“, sagt Zuckerberg. „Aber je mehr wir herum teleportieren können, desto mehr reduzieren wir nicht nur unnötige Pendelei und andere Dinge, die uns individuell belasten, sondern ich denke, das es auch besser ist für die Gesellschaft und den Planeten insgesamt.“ Noch in derselben Woche erschien außerdem die Meldung, das 20 % aller Facebook Mitarbeiter bereits an der Entwicklung von Augmented Reality und VR-Geräten beteiligt sind, womit wohl klar ist, wie ernst Mark Zuckerberg seine Bestrebungen nimmt.

Jedoch gibt es auch einige Vorbehalte, wenn es um die Auswirkungen von VR auf das Klima geht. In Dazed erklärt Don Balanzat, Mitarbeiter der Physikabteilung der Arizona State University, dass VR tatsächlich „ein gewisses Potenzial“ hätte, Treibhausgase positiv zu beeinflussen. Der klare Vorteil sei es, dass es tatsächlich keinen Grund mehr dafür gäbe, ins Auto oder Flugzeug zu steigen, wenn die Technologie erst einmal so weit sei, dass sie uns auch alle Vorzüge einer menschlichen Begegnung vermitteln zu können. Entwickelt werden derzeit Bildschirme mit höherer Wiedergabetreue, bessere Haptik (Touch- und Force-Feedback), Ganzkörper-Tracking und sogar Geruchsmotoren. „Die Fähigkeit, menschliche Reize und persönliche Anwesenheit in diesen virtuellen Welten nachzuahmen, wird immer besser. Wir können definitiv erwarten, dass diese Leistungen in naher und ferner Zukunft weitere Fortschritte machen werden“, sagt Balanzat. Wie gut all das am Ende funktionieren könnte, zeigt uns die Black Mirror Folge „Striking Vipers“, in der sich zwei langjährige heterosexuelle Freunde in einem VR Spiel verabreden und durch die Auswahl eines männlichen und eines weiblichen Avatars den besten Sex ihres Lebens miteinander haben.

Doch wie bei jeder technischen Lösung in der Umweltproblematik, muss auch hier die Herstellung der technischen Geräte betrachtet werden, um letztendlich eine Aussage darüber treffen zu können, wie nachhaltig die Idee am Ende wirklich ist. Sind Materialien recyclebar? Wie lang sind die Transportwege? Woher die Energie für die Herstellung nehmen, wenn die Nachfrage erst einmal wächst? Es steht außerdem die Gesundheitsfrage im Raum: Was passiert mit unserem Körper und Geist, wenn sich unsere Welt in eine Art Matrix verlegt? Ein Thema, das auch während der Pandemie ausgiebig diskutiert wurde – meist mit erschreckenden Erkenntnissen. 

„Die richtige Welt bietet zahlreiche Eindrücke und einzigartige Erfahrungen, die sich durch VR nicht nachahmen lassen. Weder heute, noch in naher Zukunft“, sagt Balanzat zu Recht.  Während die Welt langsam wieder aus ihrem Lockdown kriecht, ist die Sehnsucht nach tatsächlichen analogen Begegnungen wohl kaum am Aussterben und VR wird es schwer haben, mit lang ersehnten Umarmungen, wilden gemeinsamen Tänzen und heißen Küssen bei ersten Dates zu konkurrieren. Wo die Technologie allerdings mehr Chancen haben könnte, ist im Arbeitsbereich. Dort könnte sie dabei helfen, Produktivität zu verbessern und bei der Ausführung von Arbeiten an gefährlichen oder ungünstigen Orten beitragen (z.B. dem Weltall).

Fazit ist, dass VR eine spannende Technologie ist, die unser Leben – vor allem in der Arbeitswelt, in der das Wort „Homeoffice“ so schnell nicht abklingen wird – erleichtern kann und durchaus das Potenzial hat, uns im Kampf gegen den Klimawandel zu helfen. Um langfristig unsere Klimaziele erreichen, können wir uns allerdings nicht auf die virtuelle Realität verlassen, sondern müssen entsprechende Vorschriften und Umweltpolitik in der realen Welt vorantreiben. Schließlich soll eine virtuelle Welt nicht die einzige sein, in der wir eine Überlebenschance haben.

Von Ann-Kathrin Lietz

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