Forgotten Classics: A 112 Abarth

Wie einer auszog, dem Mini das Fürchten zu lehren.

Mitte der 1960er-Jahre ist die Stimmung bei Fiat merklich angespannt. Der Grund kommt aus England. Der Mini hat- te seit 1959 neue Standards im Kleinwagensegment ge- setzt und seine Standfestigkeit bei etlichen Rallye-Siegen unter Beweis gestellt. Die Formel „Vier Erwachsene plus Gepäck auf drei Metern Länge, dazu zeitgemäße Fahrleistungen mit sportlichen Handling“ geht bei dem Briten voll auf. Fiat ist dagegen mit seiner Modellpalette auf wichtigen Exportmärkten zunehmend chancenlos.
Die charakteristischen Hecktriebler gelten als antiquiert und untermotorisiert.

Doch Dante Giacosa, unter anderem Konstrukteur des Fiat 500 und damit Vater der Mas- senmobilität in Italien, nimmt die Herausforderung an. Denn trotz seiner Genia- lität weist der Mini unübersehbare Schwachstellen auf: Das brettharte Fahrwerk bietet kaum Komfort und die schmale Ladeluke im Heck ist schlicht unpraktisch. Giacosa macht mit seinem Entwurf fast alles besser und erschafft mit dem A 112 noch einmal einen Meilenstein für den Turiner Konzern. Weil aber die Produkti- onskapazitäten bei Fiat ausgelastet sind, geht der Produktionsauftrag kurzerhand an die Untermarke Autobianchi. Das Label dient Fiat schon seit Längerem dazu, neue Konzepte am Markt auf ihre Akzeptanz zu testen. Im Oktober 1969 ist es so weit. Mit quer eingebautem Frontmotor und Vorderradantrieb erreicht der Wagen dank seines geringen Gewichts schon mit der Basismotorisierung beachtliche Fahr- leistungen. Die Fertigungsqualität war stets besser als bei den zeitgenössischen Fiat-Derivaten und sorgte für einen guten Ruf. Dass der fortschrittliche Laderaum mit einer Heckklappe auftrumpft und durch eine umklappbare Rückbank erheblich erweitert werden kann, beflügelt die Absatzzahlen zusätzlich.

In 17 Produktionsjah- ren werden so mehr als 1,2 Millionen Fahrzeuge in acht Serien vom Band gerollt. Top of the range ist der heiße A 112 Abarth, weil die Turiner Sportwagenschmiede schon früh ihr Interesse bekundet hatte, den Kleinwagen auf Krawall zu bürsten. Die Tuningmaßnahmen betreffen dabei hauptsächlich den Motor, der nun satte 70 PS bereitstellt. Der Innenraum wird dazu standesgemäß mit sportlichen Insignien wie Sportsitzen und einer beachtlichen Batterie an Armaturen aufgewertet.
Der drehfreudige Motor inspiriert damals wie heute zahllose (Amateur-)Rennfahrer. So gibt es für den Giftzwerg eigene Rennserien als Rallye und auf der Rundstrecke. Aber auch sonst ist der A 112 in allen möglichen Youngtimer-Sportveranstaltungen Stammgast, da er viele Schlüsselkriterien erfüllt: übersichtliche Technik, riesiges Erfahrungspotenzial bei Umbauten und eine gute Ersatzteilversorgung. Und so fechten die ewigen Kontrahenten, Mini Cooper S und A 112 Abarth bis heute um die Vorherrschaft auf den Pisten dieser Erde. Nachteil an dieser Entwicklung ist die Seltenheit unverbastelter Originale. Deren Preise steigen deshalb stetig.

Text: Philipp Stadler
Bilder: Abarth
Dieser Beitrag ist erschienen in der INTERSECTION Nr. 27.

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