CHRIS ROSA: DIE TRÄNEN DES BAD BOY

DER SCHWARZE FERRARI DES KÜNSTLERS CHRIS ROSA IST DIE ERFÜLLUNG EINES KINDHEITSTRAUMS UND GLEICHZEITIG EIN „FUCK YOU“ IN RICHTUNG KUNSTBETRIEB

Andy Warhol hat nicht nur für BMW ein Artcar gestaltet und Bilder von Autounfällen zu den ikonischsten Motiven des 20. Jahrhunderts gemacht, er hatte auch privat ein Faible für Autos. Den Rolls-Royce Silver Shadow von 1974 behielt er bis zu seinem Tod 1987. Mit den Mitgliedern seiner Factory cruiste er damit durch Chelsea und am Wochenende raus in die Hamptons. Joseph Beuys erledigte seine Einkäufe in einem Bentley. In den Arbeiten von Richard Prince gehört das amerikanische Muscle Car zum Standardrepertoire. Aaron Young und zahllose andere benutzen das Auto als ein Sujet ihrer Kunst.

Auch Chris Rosa, der wegen seiner abstrakten von Basquiat, Raymond Pettibone, Joan Miró oder Wassily Kandinsky beeinflussten Malerei in den letzten zwei Jahren zum Shootingstar der internationalen Kunstwelt aufgestiegen ist, liebt Autos, vor allem Ferrari. Seit ein paar Monaten gehört ihm einer. Hier die Geschichte wie es dazu kam: Mehr oder weniger aus Spaß bot er einem Sammler an, ein paar Bilder gegen einen Ferrari zu tauschen. Rosa war gerade nach Los Angeles gezogen, wo er eine alte Lagerhalle in eine Art Atelier-Kommune umbaute, um befreundeten Künstlern einen Platz zum Arbeiten zu geben um auch sie von seinem Erfolg profitieren zu lassen. Wahrscheinlich war es die Stadt und ihr unverbindlicher Lifestyle, die ihn dazu bewog dem Sammler zu sagen: Ich gebe dir drei meiner Bilder, dafür gibst du mir einen Ferrari. Die Zeit verging und Christian Rosa hatte sein Angebot fast vergessen, eigentlich nie wirklich daran geglaubt, dass sein vorgeschlagener Deal überhaupt klappen würde. Doch dann fuhr eben jener Sammler an einem sonnigen LA-Tag mit einem schwarzen Ferrari F430 auf den Hof von Rosas Atelier-Kommune. Mit genau dem, den er sich gewünscht hatte. Der Bad Boy war zu Tränen gerührt. Was aber zieht Künstler zu teuren Autos hin? Was bewegt jene, von denen man gemeinhin immer glaubt, sie hinterfragen die Werte unserer Kultur, der Gesellschaft und Politik, ein Auto wie einen Ferrari zu fahren? Eigentlich ein ziemlich protziges und – je nach Perspektive – eindeutiges Symbol dafür, was alles falsch läuft in unserer Welt: Die Verschwendung von Ressourcen, die immer ungleichere Verteilung von Reichtum.

Zunächst einmal ist es natürlich ein Irrglaube, zu denken, Künstler wären per se der Ökologie zugewandt und lebten wie kapitalismus-kritische Protestanten. Unter den Besten befinden sich konsumfreudige Hedonisten, die – haben sie einmal Erfolg – das Geld mit vollen Händen ausgeben, für all die Dinge, die für Ruhm und Reichtum stehen. Christian Rosa hat auf der im Frühjahr 2014 gestarteten (und mittlerweile extrem einflussreichen) Website Artrank gleich die Sparte „Early Bluechip“ für kommende Superstars angeführt. Für eines seiner Bilder bekommt er heute über 100.000 Dollar. Zu seinen Sammlern gehören Hollywoodstars wie Orlando Bloom und Leonardo DiCaprio. Er dürfte in der letzten Zeit also eine Menge verdient haben. Das war natürlich nicht immer so. Wie die meisten Künstler musste auch Rosa lange kämpfen, bis jemand seine Ideen schätzen lernte und er in der Lage war, sie auch noch an den Markt zu bringen. Eine Karriere als Künstler ist in der Regel erst einmal unwahrscheinlich und der Hunger nach Statussymbolen in diesem Bereich oftmals umso größer. Will man dann auch noch wie Chris Rosa mindestens die Ästhetik der Malerei prägen und die Welt als ganze auf den wenigen Quadratmetern einer Leinwand abbilden, dann braucht man ein Ego wie er, das von hier bis zum Mond reicht (und das ist auch nötig, um als Künstler reüssieren zu können). Ein Ferrari ist dann auch ein Triumph. Noch dazu einer, der nicht so schnell vergeht wie eine erfolgreiche Ausstellungseröffnung, sondern einer mit dem man noch in Jahren spazieren fahren kann.

ES IST EIN IRRGLAUBE ZU DENKEN, ALLE KÜNSTLER LEBTEN WIE KAPITALISMUS-KRITISCHE PROTESTANTEN

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn natürlich spielen gerade bei einem Künstler wie Christian Rosa Ironie und Provokation eine wichtige Rolle. Der Bad Boy der Kunstszene ist für seine raubeinige Attitüde bekannt, auf Twitter schrieb er an den Künstler Erwin Wurm (auch jemand, der Autos sehr gerne zum Sujet seiner Kunst macht): »erwin wurm wants to buy a painting. i dont sell to cops and snitches«. Sein schwarzer Ferrari ist aus der Perspektive eines mit Rosa sympathisierenden Zuschauers ein wohltuendes „Fuck you!“ an die bürgerliche Kunstwelt mit all ihrer Doppelmoral, ihren verlogenen Regeln und Verhaltenskodexen. So ängstlich um ihr Image bemüht sind neben den Protagonisten des Kunstzirkus sonst nur noch Politiker und ehrlich gesagt: Selbst die wirken meistens entspannter. Der schwarze Ferrari von Chris Rosa ist vor diesem Hintergrund ein ausgestreckter Mittelfinger an all jene, denen es nur um den Erfolg geht. Die sich mit protestantischem Eifer in kulturtheoretische Diskurse knien, aber die Kunstwelt schlicht dazu benutzen, die eigene Karriere zu fördern und prestigeträchtige Jobs bei bedeutungsvollen Institutionen zu ergattern. Chris Rosas Ferrari und seine Freude über ihn ist in gewissem Sinne also schlicht und einfach ehrlich. Und damit schon wieder dissident.

Ein Weiteres, das Künstler und Autos zusammenführt, ist die große Bedeutung der Ästhetik, die Schönheit als solche. Ikonische Autos wie der Jaguar E-Type finden sich selbst in der Sammlung des MoMA in New York. Auch wenn sie nicht im Rang von Kunstwerken stehen, sind sie doch sehr spezielle, mit viel Aufwand, technischer Raffinesse und Stilwillen produzierte Objekte.
Es ist also naheliegend, dass jemand, der im Atelier tagein tagaus mit verschiedenen Formen und Arten von Schönheit beschäftigt ist, bei seinem privaten Geschmack großen Wert auf ästhetische Besonderheiten legt. Und das ist ein Ferrari F430 immer auch: eine ästhetische Besonderheit. Das alles bedeutet natürlich nicht, dass Rosa nicht ganz einfach auch Spaß am Fahren hat, an lauten Motoren, an Geschwindigkeit. Ein Ferrari ist – das erkennt man schon daran, dass die Leidenschaft für den italienischen Sportwagen meist in der Kindheit beginnt – ein feuchter Jungstraum. Erfüllt man sich diesen als erwachsener Mann, dann ist das Auto immer auch ein Spielzeug. Und Künstler, die nicht in der Lage sind zu spielen, mit der Farbe, dem Holz, Stein, Blech, was auch immer das Material ist, aus dem sie ihre Kunst erzeugen, sind schlicht und einfach schlechte Künstler.

 

Text: Daniel Seetal
Fotos: Irina Gavric
Erschienen in INTERSECTION Nr. 19

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