John Cale: Immer Avantgarde

Der klassische Musiker John Cale gründete in den 1960er-Jahren gemeinsam mit Lou Reed die legendäre Band The Velvet Underground, deren erster Fan Andy Warhol war. Und auch wenn John Cale sich schon längst in die Musikgeschichte eingeschrieben hat – ein kreativer Geist schläft nie. 

John Cale bewohnt die Beletage der Popkultur. Er braucht keinen Fahrstuhl nach ganz oben, den können die anderen nehmen. Er ist längst in der Musikgeschichte angekommen, die er seit 1964 mit The Velvet Underground mitgeschrieben hat. Schon damals war dem nach New York ausgewanderten Waliser und seinem Bandkollegen Lou Reed der Mainstream egal. Als die Hippie-Bewegung 1967 im Summer of Love kulminierte, veröffentlichten The Velvet Underground ihr erstes Album. Experimentelle Songarrangements und Texte, die sich um Heroin und SM-Sex drehten, waren Botschaften aus dem Reich der Dunkelheit.

Niemand interessierte sich damals dafür. Das heute berühmte Albumcover mit der Banane vor weißem Hintergrund gestaltete Andy Warhol, der Protegé der Band. Er umgab sich gern mit den Musikern, die er in den Räumen der Factory bei ihren Sessions mit dem deutschen Model Nico zu filmen pflegte. Dass dabei Punk miterfunden wurde, stellte sich erst viel später heraus. Cale verließ die Band bereits 1968 und widmete sich anderen Projekten. Neben der Produktion eigener Alben arbeitete er mit unzähligen Musikern zusammen, unter anderem mit Patti Smith, Marc Almond, The Stooges, LCD Soundsystem, Nina Hagen oder Morrissey. Sein künstlerischer Output ist bis heute gewaltig, aber er ist der Mann im Hintergrund geblieben, den man mitunter aufspüren muss. Uns ist das gelungen – und weil John Cale fast immer zu Musik befragt wird, haben wir mit ihm über Autos und Mode gesprochen.

Intersection: Andy Warhol hatte ja kein Auto. Seid ihr damals in New York überhaupt selbst Auto gefahren?

John Cale: In der Velvet Underground-Zeit gar nicht. Aber Nico hat mal ein super Foto von uns gemacht, als wir von New York nach Detroit zum Mod-Wedding-Happening gefahren sind sind. In einem Winnebago Wohnmobil! Lou ist auf dem Rückweg geflogen. Wir sind in dem Wagen zurück. Nico wollte unbedingt fahren und wir schafften es tatsächlich irgendwie, unversehrt nach New York zu kommen. Aber nein, New York war damals kein Ort für Autos, zu viel Stress und zu wenig Platz zum Parken.

Und später?

Als ich in Kalifornien für Warner gearbeitet habe, hatte ich einen 67er Shelby. Sein Klang war die reine Freude. Four-on-the-floor, im Vierertakt über den Asphalt. Weil man in Los Angeles wirklich ein Auto braucht, war das meine Chance, mir einen Cobra zuzulegen. Wenn schon, denn schon. Derzeit bin ich auf der Suche nach einem alten Defender, aber mit meinem BMW X5 bin ich auch zufrieden.

„Wenn schon, denn schon. Derzeit bin ich auf der Suche nach einem alten Defender.“

John Cale

Für das Shooting hast du dir einen alten Mercedes ausgesucht…

Ja! Die Art und Weise, wie diese Fahrzeuge heute fotografiert werden, spricht mich sehr an. Die alte S-Klasse, die wir in East London geshootet haben, steht ja normalerweise wohlbehütet in einer Spezialgarage für Oldtimer, und wurde während des gesamten Shootings streng überwacht. Es war amüsant, wie die Leute reagiert haben, als dieses schillernde Objekt hell beleuchtet auf dem düsteren Grundstück stand. Es war ja schon dunkel. Das ist wirklich ein Wagen, der eigentlich viel zu schade zum Fahren ist.

Was für ein Motiv, du und der Wagen. Gleich zwei Stilikonen auf einmal. Heute lebst du in Los Angeles, ein Ort der modemäßig eher für schlechten Geschmack steht, oder?

Die Westküste hat ihren ganz eigenen Stil. L.A. ist eben wegen des ewig warmen Klimas eine Outdoor-Stadt und kein Ort für schwere Wollstoffe. Ich persönlich lege bei Kleidung immer Wert auf Textilien, Linienführung und Webkanten – in diesen kleinen Dingen kann sich der Bruch mit Standards zeigen. Denn sind wir mal ehrlich, du kannst eine Jacke auf viele unterschiedliche Arten machen, es wird aber immer eine Jacke bleiben. Es kommt darauf an, wie du sie unorthodox veränderst oder kombinierst. Ich bin ja begeistert von genderloser Kleidung.

Kaufst du dir oft neue Sachen?

Mindestens einmal im Monat. Meistens etwas Zeitloses, das mehr als eine Saison übersteht. Ich kaufe viel zu viele Klamotten, ehrlich gesagt. Aber von einem guten Designer kann man nie genug bekommen, wenn man ihn einmal gefunden hat. Alles was er macht, willst du haben! 

Und wo gehst du shoppen?

In kleinen Boutiquen, die internationale Designer und Brands haben. Wenn ich auf Tour bin, gehe ich am liebsten vor Ort auf die Suche nach jungen Designern, die gerade ihre ersten Kollektionen herausbringen. Es ist komisch, ich mache das schon seit Jahrzehnten. Ich muss wirklich nicht nach Paris, um zu Louis Vuitton zu gehen. Das kann ich daheim machen. Zeige mir jemanden, den ich nicht kenne, und ich bin dabei.

Nochmal zurück nach New York. Zu Velvet Underground-Zeiten wart ihr ja nicht gerade begeistert von der Hippie-Mode. Was hat euch an dieser Bewegung abgestoßen?

Wir haben Flowerpower einfach nicht ernst genommen. Dieser Trend stand der Realität diametral entgegen. Im wahren Leben sandten rassistische Weiße ihre Armeen aus, um zu töten, und wurden dabei selbst umgebracht. Das war doch total finster! Wir waren das auch. Und deswegen repräsentierte Schwarz unseren Ethos. Hell und rein war da gar nichts. Warum sollten wir das also vortäuschen, indem wir Blumen trugen? Für uns gab es keinen Frieden. Viel scheint sich in der Welt nicht geändert zu haben. Aber manchmal ist das ja auch gut, zum Beispiel bezogen auf dich und dein stetig wachsendes OEuvre.

Woran arbeitest du momentan?

Ach, an zu vielen Dingen, um sie hier aufzuzählen. Aber dieser Modus ist wirklich genau mein Ding. Wenn viele Projekte und Deadlines zugleich um mich herumschwirren, fördert das meine Kreativität. Die höchste Priorität hat momentan mein eigenes Album, das bald fertig ist. Es hat länger gedauert, als erwartet, aber es hat sich gelohnt. Ich hoffe, es wird die Hörer erreichen. Meine inneren Dialoge und Gedanken werden endlich das Licht der Welt erblicken! •

 

Fotos YAËL TEMMINCK

Text: SABINE RÖTHIG

Styling DAVID NOLAN

Haare und Make-Up MIKE O‘GORMAN

mit Produkten von WELLA PROFESSIONAL

Produktion TIMOTEJ LETONJA

Talent JOHN CALE

Ein besonderer Dank gilt Nita Scott.

 

 

Verwandte Artikel