LAND UND CRUISER

AUCH WIR HABEN SCHON ALS LEGENDÄR BEZEICHNET, WAS GERADE MAL EINEN WIMPERNSCHLAG LANG AUS DER MODE WAR. SORRY DAFÜR. DESHALB JETZT ZURÜCK AUF START, ZUM URSPRUNG, INS HERZ AFRIKAS. AM BESTEN MIT EINEM EBENSO PRÄHISTORISCHEN AUTO, DEM SEIT 1984 UNVERÄNDERT GEBAUTEN TOYOTA LAND CRUISER J7.

ie Nacht fällt unmittelbar wie ein Sommergewitter übers Land. Innerhalb von Minuten ist der goldrote Schimmer verschwunden, den die sinkende Sonne auf die D Steppe gemalt hat. Dann ist es so dunkel wie in einem Bergwerk. Im östlichen Afrika beginnt die Nacht gegen 19 Uhr. Im Winter und im Sommer. Sie gehört dann nicht mehr den Menschen allein, sie müssen sie sich mit den Geistern teilen. Wer mit Pkw, Geländewagen, Moped oder Rad unterwegs ist, verlässt jetzt die breiten Pisten. Auch die Safariguides, die hier jeden Strauch und den Vogel, der darin wohnt, persönlich kennen, meiden Afrikas Straßen by night. Fahrbahn, Randstrei- fen, Böschung und die Savanne dahinter verwaschen zu einem konturlosen, schwarzen Vorhang. Orientierung bieten allein die müden Kegel der eigenen Scheinwerfer – ein paar Meter weit. Nur die maroden Lastzüge rasen weiter über die Pisten. Je später, desto höher am Gas. Mit aufgeblendetem Fernlicht und in der Mitte der Fahrbahn, erst im letzten Moment weichen sie aus. Dafür ziehen sie Staubwolken in der Größe einer biblischen Plage hinter sich her, durch die wir uns im Blindflug tasten. Zum Glück kommt der Tag ebenso schnell wie die Nacht.

Wir reisen vom Fuß des Kilimandscharo zum Ngorongoro-Krater am Rande der Serengeti, dem Ort mit der höchsten Wild- und Raubtierdichte der Welt. Seit frühem Morgen sind wir auf den Landstraßen B1, A23 und B144 unterwegs. Eine Fahrt durch Getto und Garten Eden über rote Erde unter einer im mohnblauen Himmel glühenden Äquatorsonne. Und durch Reservate mit einer unfassbaren Fauna. Sie ist nicht eingezäunt, wie in Südafrika oder Namibia. Sondern: mitten unter uns.

Die Fahrzeugwahl fiel eindeutig auf den Toyota Land Cruiser J7. Ein Anti-Transformator mit Starrachsen, Spiralfedern vorn und Blattfedern hinten. Das Mutterschiff aller wahren Geländeautos: kastig, eckig, ein bisschen hüftsteif, aber solide bis zum Anschlag. „Mercedes G-Klasse oder Land Rover Defender?“ Ernest, einer der besten Guides der Gegend, grinst mitleidig: „Wunderschöne Au- tos, aber Safaris führen nicht durch die Stadt, Mann.“ Seine Erfahrung nach zehn Jahren Steppen- und Buschlandtransit: Ein Land Cruiser schafft ohne Material- bruch 30 Tage Buckelpiste nonstop, die feinen europäischen Kraxler höchstens 20. Ernests Buscharithmetik leuchtet ein: Serengeti ist nicht Sandringham oder Sindelfingen. „Ersatzteile für die G-Klasse muss ich in Deutschland bestellen und über Mombasa einfliegen lassen. Aber wenn du hier liegenbleibst, wartest du nicht mit ein paar Keksen auf den Abschleppwagen“. Richtig, da rufst du kurz bei einem aus deinem Clan an und lässt dir die Land-Cruiser-Teile vorbeibringen, die es hier eh an jeder Ecke gibt. Seit 1984 wird die Baureihe J7 kaum verändert in Südafrika gebaut. Für die Erste Welt gibt es mittlerweile schon den vier Generationen weiterentwickelten Land Cruiser J11. Doch Facelifts und Einparkhilfen zählen in Afrika nicht. Zur Not, so Ernest, könne ein guter Dreher die rudimentären Cruiser- Parts einfach nachbauen.

In Arusha, dem Safari-Basislager am Fuß des Mount Meru, tanken wir randvoll. 130 Liter, das reicht für mehr als 1.100 Kilometer. Hier gibt es übrigens auch die viel- leicht besten Land-Cruiser-Tuner der Welt: Die Werkstätten schneiden die unkaputtbaren Monstren auseinander, verlängern den Radstand und flexen das Dach für den Safarieinsatz auf. Dann werden zwei weitere Sitzreihen reingebaut und ein Klappdach für die Pirschfahrt aufgesetzt. Los geht ́s, durch den Tarangire-Nationalpark, den Lake Manyara und dann die Felswand des ostafrikanischen Grabenbruchs hinauf. Der felssolide Vierliter-Sechszylinder mit seinen 231 PS und dem maximalen Drehmoment von 360 Newtonmetern dröhnt und vibriert zuverlässig. In Karatu, wo gerade mit viel Blasmusik eine Landhochzeit gefeiert wird, kaufen wir rote Bananen und Kilimandscharo Premium Lager. Am nächsten Morgen ziehen wir über die Spitzkehren des Ngorongoro den Kraterrand hinauf. Kühler, feuchter Nebel im Lianenwald. Weil ein nächtlicher Elefantentrail die Serpentinenstraße kreuzt, ist alles voller frisch zerfetzter Baumrinden. Wie zum Teufel klettern die freundlichen Fünftonner diesen steilen, glitschigen Hang hinauf? Selbst für uns ist die Bewegung nicht wirklich einfach. Doch wenn Ernest am Steuer des Toyota sitzt, mit Allraduntersetzung vorwärtsraupt und, wenn wir mal stecken bleiben, mit den Differenzialsperren zaubert, scheint ebenfalls ein bisschen Metaphysik im Spiel. Dabei ist perfekte Traktion ja so simpel: Sie ist nicht weniger als die Kombination aus bruchfester Technologie und feindosiertem Gefühl.

Oben, auf 2.300 Metern, dann die elysische Verheißung: Vom Grat des erkalteten Vulkans blicken wir, wie aus einem Flugzeug, 600 Höhenmeter nach unten auf einen pastellenen Planeten. Groß wie eine Stadt, mit gewellten grünen Hügeln und gigantischen Akaziendächern, beigefarbenem Grasland, gelber Savanne und trotz später Trockenzeit reich gefüllten Flüssen und Wasserlöchern. Eine weitere Stunde geht es dann den Kraterrand hinunter, über einen Buschpfad, nicht viel größer als die Fahrspuren der Geländewagen. Dann überwältigt die unberührte Wildnis selbst den Härtesten: 30.000 Zebras, Gnus, Büffel, Elefanten, Nashörner Flusspferden, Hyänen, Löwen, Leoparden, Geiern und Adler existieren hier unter perfekten Bedingungen. Wenn in der Schlussszene von Filmen wie „Der König der Löwen“ ein Alphatier von einem Bergkamm in den Sonnenuntergang blinzelt, dann ist der Ngorongoro gemeint. Ein gelobtes Land und laut Bernhard Grzimek das „achte Weltwunder“.

Die europäische Utopie wäre vielleicht eine Farm hier. Ernest träumt dagegen von Europa. Und dessen Autos, klar: Er schaut jeder G-Klasse und jedem Defender, die sich vor allem reiche Ausländer hier anschaffen, hinterher wie einer Fan- tasiefrau, die unerreichbar und kompliziert im Unterhalt zugleich ist. Irgendwo am Fuße des Kilimandscharo, erzählt er, stehe noch ein ganz besonderer G-Benz aus den 70er-Jahren. Er gehörte einem Deutschen, ob wir ihn kennen würden, den Schauspieler Hardy Krüger. Nachdem dieser 1961 hier mit John Wayne den Klassiker „Hatari“ gedreht hatte, kaufte er eine Lodge und blieb gleich für ein paar Jahrzehnte. Eine grandiose Idee.

Ernest denkt unterdessen schon an seinen nächsten Job mit dem J7: Er muss nach Dar Es Salaam, tansanische Hauptstadt und staubiger Moloch am Indischen Ozean. Von Arusha werden dies rund 10 Stunden Fahrt über 620 Kilometer wilden Highway. „Diese Strecke fahre ich am liebsten nachts“, erklärt Ernest und überrascht uns ein letztes Mal. „Klar, die Trucks sind eine Plage und man sieht nicht viel. Aber immerhin gibt es keinen Stau und ich habe meine Ruhe.“ Eine tiefschwarze, extreme, für andere Fahrer oft tödli- che Ruhe. Der Mann muss einen guten Draht zu den Geistern haben.

Text: Jan Wilms

Dieser Beitrag ist in INTERSECTION Nr. 4/2015 erschienen.

Verwandte Artikel