Niki Lauda: Immer noch zu schnell

Niki Lauda ist die lebende Legende des Motorsports. Ein Interview über den Kampf um Leben und Tod.    

Als Rennfahrer oder Chef einer Airline: Ihre Karriere ist geprägt von Geschwindigkeit. Erinnern Sie sich an einen ersten Moment, in dem Sie gemerkt haben, welche Kraft Geschwindigkeit haben kann?

Niki Lauda: Es war nicht so sehr die Geschwindigkeit, die mich zum Rennsport gebracht hat. Meine Eltern führten eine Papierfabrik und auf dem Gelände fuhren ständig Lastwägen, Autos und Mopeds kreuz und quer. Ein Führerschein war nicht erforderlich, weil es sich um ein Privatgrundstück handelte. Ich war zehn oder elf und fing an, mich für jegliche Art von Fahrzeugen zu interessieren. Ich bin Traktor gefahren, mit 15 wollte ich am Steuer eines großen LKWs sitzen. Als ich mit 18 meinen Führerschein in der Tasche hatte, war für mich klar, dass ich in den Rennsport einsteigen würde. Ich begann mit Bergrennen und arbeitete mich über die verschiedenen Klassen hoch zur Formel 1. Ich habe das im Blut gehabt.

Es war die Faszination für Maschinen, die Sie zum Rennfahrer machten?

Ja, und der Ehrgeiz besser zu fahren als die anderen. Bei den Traktoren musste man damals mit Zwischengas schalten. Und einen Gangwechsel ohne zu kratzen, das war schon eine Herausforderung. Ich erzähle Ihnen eine Anekdote: Ein riesiger Lastwagenzug hat das Papier immer morgens früh von einer Fabrik in die andere transportiert. Der Weg führte durch das sogenannte Höllental auf einer sehr engen Straße. Ich bin also um 4 Uhr aufgestanden und habe auf den Chauffeur des LKWs an der Garage gewartet. Ich war 15 zu der Zeit. Grossinger, so hieß der Fahrer, hat mich mitgenommen. Unterwegs habe ich ihn gebeten, mich hinter das Steuer setzen zu dürfen. Er erlaubte es mir, aber nur bis es hell wurde. Um sechs kommt die Polizei, da darfst du nicht weiterfahren, sagte er. Das war meine Herausforderung: Besser oder genauso gut wie er mit dem Riesending diese schwierige Strecke zu meistern.

Ihre Eltern waren gegen Ihre Rennambitionen, richtig?

Logisch. Vor allem mein Großvater. Wegen der Gefahr natürlich und weil ich als Lauda nicht Rennfahrer, sondern Industrieller werden sollte. Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie Ihr Abschlusszeugnis fälschten, um endlich in den Rennsport einzusteigen. Das stimmt. Meine Eltern sind mir wegen der Schule sehr auf die Nerven gegangen. Ich hatte aber nichts anderes als den Rennsport im Kopf und habe angefangen mit meinem MINI erste Rennen zu fahren, ohne es meinen Eltern zu sagen. Nach der Schule bin ich von zu Hause ausgezogen und habe mich relativ schnell nach Salzburg abgesetzt. Ich mietete mir eine kleine Wohnung, ging mit einem BMW Alpina bei Tourenrennen an den Start und begann meine Karriere zu organisieren.

Haben Ihre Eltern Ihnen das übel genommen?

Sie haben irgendwann aufgegeben, mir ihre Ideen umzuhängen. Sie wussten, ich würde einen anderen Weg gehen. Mein Vater und meine Mutter waren, was das angeht, relativ flexibel, mein Großvater war der große Gegner. Meine Eltern haben es schließlich akzeptiert. Sie haben mich nicht gefördert, aber mich machen lassen und nicht mehr dagegen gearbeitet.

In einem Rennen, egal welche Klasse Sie fahren, was sind die intensivsten Momente?

Im Endeffekt ist es für jeden Menschen gleich: Sie versuchen mit einem Auto schneller als andere auf einer Geraden oder durch eine Kurve zu fahren.

Warum will das der Mensch? Weil er sehen will, wie gut das Auto ist, oder um zu zeigen, wie gut er es beherrschen kann. Bis zum Streckenrand zu driften, das machen junge Leute heute ja tagtäglich auf normalen Straßen. Das Fürchterliche ist, dass sie sich dabei umbringen können. Oder andere verletzen, die nichts dafür können. Menschen wollen Extreme ausreizen. Manche haben dabei keine Angst. Zu denen zähle ich mich. Andere haben Angst und hören früher auf zu beschleunigen. Diejenigen, die ohne Angst fahren, sind natürlich schneller und dadurch als Rennfahrer geeignet.

War diese Furchtlosigkeit Ihr großes Talent?

Ich glaube, man wird ängstlich geboren oder nicht. Woher das kommt, weiß ich nicht. Die, die nicht ängstlich sind, haben kein Problem damit, mehr zu riskieren. Und wenn Sie bereit sind, mehr zu riskieren, ein Bestreben nach Perfektion mitbringen und nicht das Handicap haben, über die Gefahr der Geschwindigkeit nachdenken zu müssen, dann verfügen Sie über eine gute Basis, um Motorsportler zu werden. Der Rest ist harte Arbeit.

Wenn man als junger Formel-1-Pilot die ersten Siege einfährt, besteht da in einem extremen Sport wie diesem das Risiko, abzuheben und größenwahnsinnig zu werden?

Die Gefahr besteht in der heutigen Zeit schon viel früher. Die heutigen Medien machen oft mit absolut uninteressanten Menschen Headlines. Es ist unglaublich, wie die Medienlandschaft sich geändert hat. Was interessiert mich zum Beispiel Frau van der Vaart?! Ob sie ihren Mann betrogen hat und er deswegen ihre Freundin nimmt, das beschäftigt Deutschland jeden Tag. Es ist fürchterlich. Das ist eine Entwicklung, die sich in den letzten 30 Jahre zugespitzt hat. Es gibt immer mehr Medien, die Geschichten brauchen. Auch wenn sie nicht stimmen, müssen sie geschrieben werden, um Umsätze zu generieren. In diesem ganzen Spektakel passiert es häufig, dass Menschen ohne Leistung medienbekannt werden. Diese Menschen verstehen dabei meistens nicht, was mit ihnen passiert, deshalb heben sie ab, werden größenwahnsinnig und spielen das Spiel der Medien mit. Nüchtern betrachtet haben sie aber nichts in den Zeitungen verloren. Wenn ich mich in die Zeit zurückversetze, in der ich erste große Erfolge hatte, dann kenne ich das Gefühl, wie eine Lawine von Medieninteresse auf einen zurollt. Man ist über Nacht ein Star – das überrumpelt einen natürlich erst mal. Aber ein Spitzensportler weiß, warum er einer ist. Weil er Rennen gewinnt, weil er etwas kann. Er weiß auch, dass nach dem Sieg immer das nächste Rennen kommt. Deswegen hebt er nie ab, denn dann wäre er nicht erfolgreich geworden. Wenn ich damals auf dem Siegerpodest stand, habe ich mir immer gesagt: Heute habe ich meinen Job als Bester erledigt. Morgen geht es weiter. Ich habe noch nicht mal den Pokal mit nach Hause genommen. Er hat mich nicht interessiert.

 

Wenn ich damals auf dem Siegerpodest stand, habe ich mir immer gesagt: Heute habe ich meinen Job als Bester erledigt. Morgen geht es weiter.

Der Film „Rush“ (2013) handelt von Ihrem spektakulären Duell mit James Hunt 1976 auf dem Nürburgring. Hunt galt damals als Glamour-Boy. Wie passt er in das Bild?

Hunt war ein Lebemann. Aber er konnte die Formel 1 und seinen Lebensstil perfekt kombinieren. Er hat Donnerstag, Freitag und Samstag nichts getrunken und war um 10 im Bett, weil ihm das Risiko zu groß war, nicht richtig zu performen. Am Montag und Dienstag hat er gefeiert. Außerdem war James sehr talentiert. Das ist auch der Grund, warum er seine Karriere als Rennfahrer überlebt hat. Die Zeit damals war nämlich eine andere. Die Frage war: Überlebst du das Rennen oder nicht? Das Problem gibt es heute Gott sei Dank nicht mehr.

Warum interessiert uns der Motorsport der Siebziger wieder? Liegt es daran, dass er damals nicht so stromlinienförmig war wie heute, sondern rauer, menschlicher und gefährlicher?

Woodstock und Formel 1 – damals war das ungefähr das Gleiche. Das wird es in diesem Ausmaß nie mehr geben können. Aber die Siebziger sind die Siebziger. Heute leben wir Gott sei Dank oder – je nach Perspektive – leider in einer anderen Zeit. Man kann die Zeit nicht mitnehmen. Und in der Vergangenheit zu schwelgen, ergibt für mich keinen Sinn. Ich setze mich lieber mit dem Heute auseinander oder mit der Zukunft. Und „Rush“ zeigt eben die Siebziger und wie es damals zugegangen ist.

Fanden Sie „Rush“ realistisch?

Die Geschichte stimmt eindeutig. Ich habe lange mit dem Drehbuchautor gesprochen und er hat das sehr gut aufgeschrieben. Eine kritische Hürde waren für mich die Formel-1-Leute, die damals am Nürburgring wirklich dabei waren. Und die jungen Rennsportler. Das positive Feedback, das von beiden Seiten kam, hat mich sehr überrascht. Die Alten haben bemängelt, dass das ein oder andere Detail ein bisschen anders war, aber den Film als Ganzes, den Kampf zweier Persönlichkeiten, mit allen Emotionen, das fanden sie beeindruckend. Lewis Hamilton und Nico Rosberg, die den Film mit mir angeschaut haben, waren sich gar nicht darüber bewusst, wie gefährlich die Formel 1 damals war. Der Realismus auch der Rennszenen hat sie erstaunt. Als ich das gehört hatte, habe ich mir gedacht, der Film könnte wirklich gut ankommen, denn das kritischste Publikum hat ihn gesehen und für gut befunden.

Ticken Sie anders als zu Ihrer Formel-1-Zeit?

Sie müssen sich mit dem Thema Leben und Tod nicht mehr auseinandersetzen, denn das spielt heute keine große Rolle mehr. Ihre Persönlichkeiten werden deshalb nicht so gefordert wie damals, weil das Risiko nicht so groß ist. Wenn es zu einer Berührung kommt, dann fahren die Autos von der Bahn, wo ausreichend Platz ist. Sie knallen nicht mehr an eine Leitschiene. Ansonsten sind die Aufgaben gleich: So schnell wie möglich fahren und so oft wie möglich gewinnen. Passieren kann natürlich immer was. Als ich damals in der Formel 1 anfing, war ich plötzlich damit konfrontiert, dass jedes Jahr eine Person tödlich verunglückte. Ich habe immer versucht, so genau wie möglich herauszufinden, was bei diesen Unfällen passiert ist, um dann daraus die Konsequenzen zu ziehen. Mittlerweile ist seit Senna vor 20 Jahren nichts passiert. Was tut der Mensch, wenn nichts passiert? Er denkt nicht drüber nach. Irgendwann wird wieder was passieren, das ist für mich unbestritten, denn auch die heutigen Formel-1-Autos sind trotz Sicherheitsvorkehrungen nicht immun. Irgendwann berühren sich Räder, jemand hebt ab. Ganz weg ist das Risiko natürlich nie, wenn man mit 330 km/h und 20 anderen Autos im Kreis fährt.

Wissen Sie heute ganz genau, was bei Ihrem Unfall schiefgelaufen ist? Das war lange nicht klar.

Das ist relativ einfach: Es wurden aus Gewichtsgründen Magnesiumteile am Motor montiert, die die Radaufhängung gehalten haben, und der eine auf der rechten Seite ist gebrochen und das rechte Hinterrad hat sich weggedreht und deswegen bin ich abgehoben.

Wenn Sie zurückschauen auf ihre Rennkarriere: Gibt es eine Art Philosophie der Geschwindigkeit? Gibt es etwas, das man über sich lernt?

Auf dem schnellsten Weg zum Ziel kommen. Man muss ungeduldig sein. Es muss immer weitergehen. Ich verschwende keine Zeit für irgendetwas. Vielen bin ich damit bis heute zu schnell.

 

Interview: Hendrik Lakeberg

Fotos: Irina Gavrich

Das komplette Interview erschien in INTERSECTION Nr. 15

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