AN DER KLIPPE DER WELT

ES SIEHT AUS WIE EIN AUTO, IST ABER KEINS. ALS TEIL IHRER KUNSTAKTION „THE FRINGE PROJECTS“ ENTWARFEN 2009 DER MODE-DESIGNER HENRIK VIBSKOV UND DER KÜNSTLER ANDREAS EMENIUS EXKLUSIV FÜR INTERSECTION EIN MOTORLOSES TRAUMGEFÄHRT. IM INTERVIEW SPRACHEN SIE ÜBER DAS VERHÄLTNIS VON MENSCH UND MASCHINE, DAS SCHWERELOSE GLEITEN DURCH BAMBUSHAINE UND ERKLÄREN DIE WUNDERSAME WIRKUNG VON FRANSEN

Was für ein Geistesblitz. Natürlich, Fransen sind der reinste Zauberstab. Fransen heben in ihrem flattrigen Durcheinander die klaren Konturen der Dingwelt auf. Das Diesseits wird schwammig, das Jenseits rückt heran. So wie beim Schnee, wenn er sich tröstend über die Stadt legt und für einen kurzen Moment die vertraute Umgebung seltsam anders und neu wirkt. Mit Schnee kann man als bildender Künstler aber schlecht arbeiten. Henrik Vibskov und Andreas Emenius sind auf Fransen (engl.: Fringe) verfallen.

Eigentlich nur ein Accessoire, sind Fransen für sie metaphorische Wegweiser in eine Welt, in der das Unfertige und Uneindeutige herrschen. Eine Welt, in der die perfekten Oberflächen zerfransen. Bei den beiden skandinavischen Künstlern weiß man nie, ob das Leben heiter und die Kunst ernst oder die Kunst heiter und das Leben ernst ist. Henrik Vibskov tänzelt als wichtigster dänischer Modedesigner seit Jahren an der Grenze zu Theater, Comic, Satire und präsentiert dabei Kollektionen, die sowohl für ihre Extravaganz als auch ihre Straßentauglichkeit geliebt werden. Mode und Kostüm verschmelzen bei ihm wie sonst nur bei Bernhard Willhelm oder Gareth Pugh. Seine Vorliebe für grafische Verwirrspiele verbindet ihn mit seinem Studienfreund Andreas Emenius. Emenius arbeitet als Künstler und Designer zwischen Grafik und Rauminstallation mit Partnern wie der Layout-Legende Neville Brody, Graffiti-Star Zevs, dem Modehaus Kenzo oder auch dem Schauspielhaus Hamburg. Die zehn sehr unterschiedlichen Arbeiten ihrer „The Fringe Projects“ spielen das Fransen-Thema mal edel, mal albern durch. Vibskov und Emenius haben sich Partner von Dazed & Confused Japan über Nick Knight‘s Showstudio und die dänische Brauerei Mikkeller gesucht, um in den letzten zwei Jahren insgesamt zehn Projekte für Galerie, Magazin, Internet, Möbel oder Bierflasche zu realisieren. Immer weisen ihnen die Fransen dabei den Weg zu ihren Lieblingsthemen Illusion, Bewegung, Transformation und Obsession. Monotone Bewegung war nie drolliger, Camouflage nie lyrischer, Sitzen nie surrealer als bei den Fringe Projects. Die Fransen sind dabei der große Egalisator, der Maschinen, Umwelt, Menschen verschränkt und gleichzeitig über sie hinausweist. Das neunte Fringe-Projekt ist eine exklusive Arbeit für Intersection. Der motorlose Dragster, den die beiden für uns entworfen haben, ist ein Traum-Triggerer. Mit dem Auto kommt man nur bis zur Klippe der Welt, aber die Fransen flattern weiter und weiter.

Intersection: Fransen erinnern mich an die Lederjacken, an Cowboys und Indianer.
Andreas Emenius: Du denkst zu sehr an Kleidung. Darauf beziehen wir uns nicht. Es ist abstrakter.
Fransen sind ein sehr simples Objekt, haben aber eine komplexe Bedeutung.

Fransen können nach Abfall aussehen wie Papier aus dem Schredder.
Henrik Vibskov: In Tarkovskis Film „Solaris“ schneidet ein Astronaut Papier in Streifen und hängt sie vor einen Ventilator, um im Weltraum das Gefühl zu bekommen, wieder im Wald zu sein. Das Geräusch, der Wind …
A E: Fransen haben etwas Menschliches. Etwas direkt Organisches.

Fransen sind organisch? Das müsst ihr erklären…
A E: Wenn du dich entfremdet fühlst, lass den Wind durch Fransen fahren. Das hat Magie, ruft eine Menge Erinnerungen auf. An Seegras am Ufer im Wind. Fransen sind sehr spielerisch, eine Menge Kinder haben unmittelbar darauf reagiert. Aber wir können auch dunkle Seiten damit transportieren, eine skandinavische Dunkelheit. Bei den Fringe-Projects spielt Illusion eine große Rolle. Du hast Objekte, die du anfassen und fühlen kannst, die eine Textur haben. Aber das ist nicht alles: Die Fransen geben den Objekten auch eine Uneindeutigkeit, die die unterschiedlichsten Assoziationen provoziert. Die Kombination aus Textur, Geräusch und Bewegung zählt.
H V: Wir wollten mit den unterschiedlichsten Medien arbeiten, einem Stuhl, Bier, Autos. Bloß keine Wiederholungen.
A E: Die Projekte ergaben sich wie beim Domino-Spiel. Ein Stein stürzt um und die anderen folgen
automatisch, ohne viel Nachdenken. Unsere Fragen waren: Wie weit können wir die Kunstkritiker
an der Nase rumführen, und: Wie weit kann man mit einem kommerziellen Produkt wie Bier gehen? Bei Mikkeller konnten wir sogar die Größe der Flasche und die Farbe des Bieres bestimmen.
Wann hört ein Bier auf, ein Bier zu sein, und wird zu einem neuen Objekt? Wenn es ein Konzept gab, dann war es nicht die Verschönerung einer Bierflasche durch Fransen, sondern die Untersuchung der Biertrinker-Kultur, einem männlichen Stereotyp. Wir spielen mit sehr maskulinen Attributen auf dem Etikett der Flasche. Man sieht einen Motorblock, Oberarm-Muskeln, Symbole für Stärke und Männlichkeit. Das konfrontieren wir mit den Fransen, etwas sehr Weichem, fast Albernem. 

 

In der Arbeit für Intersection beschäftigt ihr euch mit Autos. Man sieht einen Dragster
ohne Maschine,
aber gigantischer Auspuffwolke.
A E: Um ehrlich zu sein, hat das aber nichts mit Autos zu tun. Das ist nur der Aufhänger.
Es geht um Obsession, Monotonie und eine Bewegung im Stillstand.
H V: Bewegung ist wichtig und die Bewegung grafischer Muster. Autos sind zweitrangig.
A E: Von einem Punkt zu einem anderen zu kommen, ist einer der Hauptanliegen der Fringe Projects.
Es geht um Transformation, darum, Dinge zu hinterfragen, sie von einem neuen, ungewohnten
Blickwinkel aus zu betrachten. Für uns hat das Ganze eine naive Seite, so als ob du einfach nur den
Bus in die Stadt nehmen wolltest, um Lebensmittel zu kaufen. Aber plötzlich ist dann da viel mehr…
das Leben. Es geht darum, weiter und freier zu denken.

Irgendwie erinnern mich die flatternden Fransen an das träumerisch- schwerelose Gleiten durch
Bambushaine in chinesischen Kung-Fu-Filmen.
H V: Ein guter Vergleich. Genau das ist der Punkt.

Ich war etwas einseitig ausgerichtet auf die Auto-Sache. Aber jetzt groove ich mich ein.

A E: Das Auto, der Dragster, ist da. Aber ich hoffe, du fängst an, über chinesische Filme,
den Schwarzwald oder die Windtunnel auf dem Mars nachzudenken.
H V: Gut, der ganze mechanische Kram gehört auch dazu…
A E: Mensch und Maschine. Das ist der Untertitel von Intersection. Die Fringe Projects
beschäftigen sich mit Menschen, die Maschinen und Technologie entwickeln in einer organischen
Welt. Wir alle sind Teil einer von Technik durchdrungenen Natur.

Mögt ihr Autos jenseits der Kunst?
A E: Ich stehe auf diese extrem schnellen Rennmotorräder.

Die man nur in der Salzwüste von Utah fahren kann?
A E: Ja, genau die. Es wird eine Unmenge an Geld und Aufwand in ein Fahrzeug gesteckt,
nur um damit so schnell wie möglich durch eine Wüste zu fahren. Das Motorrad wird zu einem
total überhöhten, fast außerirdischen Objekt. Auch ohne Fransen. Was für eine Obsession. Das ist…cool.

 

Text: Jan Joswig
Fotos: Simon Ladefoged
Kreativ-Direktion: Project 9 / Henrik Vibskov & Andreas Emenius

Erschienen in Intersection Nr.1

 

 

 

Verwandte Artikel