MARC BRANDENBURG IM TRANSIT

MARC BRANDENBURG ZEICHNET DIE GESCHWINDIGKEIT DER STADT

Ohne Titel (2005), Bleistift auf Papier

Ich hasse das Reisen, aber ich liebe es, woanders zu sein“, sagt Marc Brandenburg an einem Sommerabend, Garten, Hinterhof, Berlin, Torstraße.

Es gibt Weintrauben und Champagner. Der Verkehr ist hier kaum zu hören. Und auch Marc hat mit Autos eigentlich nichts zu tun. „Ich besitze noch nicht mal einen Führerschein“, sagt er. „Ich fahre viel Fahrrad. Das einzige Fahrzeug, das mich sonst interessiert, ist eine Vespa.“ Ein Thema, das in seinem Werk immer wieder auftaucht, ist die Geschwindigkeit. Manchmal sieht man auf seinen Zeichnungen nicht mehr als Bewegungsschlieren, als ob man mit einer langen Belichtungszeit aus einem fahrenden Zug oder einem Auto heraus fotografiert hätte. Die Bäume verwischen oder die Straßen. Was genau, ist eigentlich egal, denn man erkennt keine konkreten Formen mehr, nur abstrakte Streifen. Auf diesen Zeichnungen illustriert Marc Brandenburg die Geschwindigkeit selbst. Vielleicht auch das Leben, wie es in der Stadt im Rhythmus der Mobiltelefone, der Beats in den Clubs, der Fahrräder und Autos an uns vorbeirauscht und schwindelig macht. Das Tempo und die Stadt, das sind die wichtigsten Themen von Marc Brandenburgs Kunst. Und indem er den Blick aus einem Fahrzeug in die Landschaft darstellt, knüpft er indirekt an die Kunstgeschichte an: „Fahrzeuge haben unsere Wahrnehmung verändert. Man konnte Geschwindigkeit auf einmal als derjenige erleben, der sich in der Bewegung befindet“, sagt Marc. Als die Straßenbahnen und Autos die Städte eroberten, beschleunigte sich der Lebensrhythmus. Ein Grund, warum die Kunst Ende des 19. Jahrhunderts abstrakt wurde, war, dass man seine Umgebung aus einem fahrenden Zug mit völlig anderen Augen gesehen hat. Seitdem sind die Fahrzeuge und die Städte immer schneller geworden. In einer seiner aktuellen Arbeiten drängt ein Totenkopf als einzig klar erkennbare Form aus einem verwischten Hintergrund, als wäre es ein zeitgenössisches Vanitas-Bild. Bei Marc Brandenburg war er vielleicht auf die Kühlerhaube eines Muscle-Cars montiert. Man weiß es nicht, denn der Rest des Motivs verschwindet in der Bewegungsunschärfe. Marc Brandenburg hält in seinen Zeichnungen die Zeit an und den Augenblick fest. Oft sind es Momente aus dem Nachtleben, Tauben auf der Straße, Menschen, die am Tresen sitzen, oder ein Campingbulli mit Smiley drauf. Diese Zeichnungen sind der Anfang einer Geschichte, manchmal zeigen sie einen Moment mittendrin und manchmal zeigen sie einfach nur einen Moment. Indem er die Fotovorlage als Negativ zeichnet, bekommen die Bilder eine düstere, irreale Qualität.

Ohne Titel, 2007, Bleistift auf Papier, Courtesy Marc Brandenburg, Galerie Thaddeus Ropac

Vorlagen für seine Zeichnungen sind Bilder, die er im Alltag fotografiert. Flüchtige Momente, die einen Eindruck hinterlassen haben. Ob und wann diese Fotos zu Zeichnungen werden, das entscheidet sich erst Monate manchmal Jahre später. „Ich führe ein Fotoarchiv, das ständig wächst. In meinen Bilderserien stelle ich oft verschiedene Zeitebenen nebeneinander. Viele Motive werden wahrscheinlich nie benutzt, weil sie im Dialog mit anderen Motiven nicht mehr funktionieren. Es geht nämlich nicht unbedingt nur um das Einzelmotiv, sondern um ,Blank Spaces‘, das, was zwischen den Bildern passiert, das Nicht-Gezeichnete, die Aura.“ Zusammen erzählen diese Bilder keine zusammenhängende Geschichte, sie sind vielmehr eine Art subjektive Topografie der Zeit, in der wir leben. Marc Brandenburg ist während seiner Kindheit oft umgezogen, hat selten länger als drei Jahre an einem Ort gewohnt. Es war keine unglückliche Kindheit, aber vielleicht ist es ihm manchmal vorgekommen, als würden die Städte und Schulen an ihm vorbeirauschen, ohne dass er sich irgendwo richtig zu Hause fühlte. Sein Vater war amerikanischer Soldat, seine Mutter eine Deutsche. Während seiner Jugend begeisterte sich Brandenburg für Superhelden, am liebsten mochte er Flash, den roten Blitz. Er hörte die Musik von The Jackson 5, sah im Fernsehen meist Channel 11, den Cartoon Channel, auf dem Roadrunner oder Gilligan’s Island liefen. Brandenburg war schon als kleiner Junge klar, dass er Künstler werden wollte. „Die ersten 12 Lebensjahre sind sehr prägend. Gefühlt wiegen sie wie das halbe Leben. Meine Kindheit in Amerika mit der Musik und dem Fernsehprogramm, die gesamte Ästhetik der Siebziger bestimmt immer noch meine Sichtweise und Arbeit. Die Inspiration für die Schlierenbilder beruht unter anderem auch auf der Sixties-Batman-Serie, die damals auf Channel 11 lief. Der Effekt wurde dort eingesetzt, um Schnelligkeit darzustellen und um ein Gefühl von Zeitgleichheit zu vermitteln.“ In Berlin hatte sein Leben in Transit vorläufig ein Ende. Er wohnte elf Jahre in einer Wohnung am Spreewaldplatz. Für Marc Brandenburg ein Rekord. In den Achtzigern, als Punk noch Avantgarde und Mode Widerstand war, arbeitete er im „Dschungel“, dem damaligen Zentrum der Berliner Clubkultur, in dem Martin Kippenberger, Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten und viele andere Schauspieler und Künstler, die heute berühmt sind, die Nächte verbrachten. Zusammen mit der Schauspielerin Tabea Blumenschein arbeitete er an Kunstprojekten und wohnte mit Christiane F. in einer WG.

Ich fahre viel Fahrrad. Das einzige Fahrzeug, das mich sonst interessiert, ist eine Vespa.

In den Neunzigern zog Brandenburg nach London. In einer Ausstellung in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts hing eine Zeichnung von Damien Hirst, deren Vorlage in dieser Zeit entstanden ist. Auf der sitzt der Künstler in einem Taxi, hat einen Latexhandschuh über den Kopf gestülpt und bläst ihn auf. Die Augenblicke, die Marc Brandenburg für seine Bilder auswählt, sind subjektiv erlebte. Es geht nicht um das Spektakel, sondern in erster Linie darum, Schönheit dort zu finden, wo man sie nicht suchen würde. In der Gosse oder auf dem Rummelplatz zum Beispiel. Vor Kurzem ist Marc Brandenburg mit dem Nachtzug nach Paris gefahren. „Die einzig erträgliche Art des Reisens“, sagt er. Die Landschaft rast in Schlieren vorbei wie das Leben selbst. Irgendwo mittendrin, da gibt es Momente, die besonders sind. Sie müssen nicht gut sein oder glücklich, aber wert, festgehalten zu werden. Marc Brandenburg konserviert sie mit Bleistift und Zeichenpapier.

 

Text: Hendrik Lakeberg
Portrait: Daniel Josefsohn

Erschienen in INTERSECTION Nr. 4

Verwandte Artikel