AUF EINE COLA MIT JO

Seit über 20 Jahren arbeitet Jo Stenuit für Mazda. Mittlerweile leitet er als Design Director Europe in familiärer Atmosphäre ein Team in Oberursel.

30 Autominuten entfernt in Frankfurt-Bornheim wohnt Jo Stenuit. Bei Sushi – was auch sonst – erzählt der Belgier nicht nur über seinen Arbeitgeber, sondern gewährt Einblicke in seine Anfänge, probiert zum ersten Mal Shiso-Cola und zeigt seinen sympathisch wuchernden Schrebergarten. 

Wie bist du zum Automobil-Design gekommen?
Mein Traum war es LEGO-Designer zu werden. Das hab‘ ich nicht geschafft. Zum Glück träumte ich auch davon, Autodesigner zu werden. Ich habe immer gezeichnet. In meine Schulhefte und eigentlich auf jedes Blatt Papier, das ich finden konnte. Und weil ich so kreativ unterwegs war, wollte ich in eine künstlerische Richtung gehen. Meine Eltern redeten mir das zum Glück aus. Mein Bruder hat damals in Antwerpen Architektur studiert, an der gleichen Fakultät gab es auch Produktdesign, das legten meine Eltern mir nahe. Das Studium war sehr schwer, es war im Grunde ein Ingenieurstudium plus Design und Modellbau. Alles war sehr theoretisch, es gab keine Praktika, keine Verbindung zur Industrie. Nach fünf Jahren war ich fertig und wusste eigentlich nicht so recht, was ich machen sollte. Aber dann erinnerte ich mich an meinen Traum vom Automobil-Design. Also stieg ich kurzerhand mit drei Freunden in einen Renault Clio und fuhr durch die Nacht bis in die Schweiz. Dort gab es ein Art Center College, das wir uns ansehen wollten. Als wir ankamen, standen auf dem Parkplatz viele Porsche. Wir dachten uns noch, dass die Professoren dort offenbar gutes Geld verdienten… doch es stellte sich raus, dass es die Autos der Studenten waren – und wir uns das Studium dort definitiv nicht würden leisten können. Enttäuscht fuhren wir zurück. Ich habe mich dann beim Royal College of Arts in London beworben. Das war vor 27 Jahren. Ich habe nicht daran geglaubt, dass sie mich nehmen würden. Und trotzdem nahm ich die Fähre rüber und reichte mein Portfolio ein. Und es hat geklappt! Mit der Zusage fiel mir dann auf, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich das finanzieren sollte… Ich habe das alles gemacht, ohne mir große Gedanken zu machen. Meine damalige Freundin und heutige Frau und ich zogen trotzdem nach London. Dort zu leben – zu überleben – war schon eine Erfahrung an sich. Und auch das Studium war speziell. Wir hatten keinen wirklichen Unterricht, wir haben uns vieles gegenseitig beigebracht. Im Anschluss fing ich bei Philips an zu arbeiten. Das Internet war noch jung und wir entwickelten Spiele. Ich designte dafür die Autos. Es folgten drei Jahre digital modelling, hauptsächlich für OPEL Ich wollte jedoch mehr Einfluss auf das Design haben. Also schaute ich mich nach drei Jahren um und entdeckte Mazda für mich. Viele überraschte meine Entscheidung. Mazda war zu der Zeit nicht gerade bekannt für überragendes Design. Aber mich hat genau das, diese Herausforderung, gereizt. Und natürlich auch die andere Kultur. Und um diese, aber auch den damit einhergehenden Designprozess – und natürlich die Kollegen – zu verstehen, ging ich nach Japan.

Was treibt dich an?
Ich habe schon mehr erreicht, als ich mir jemals hätte erträumen können. Ich lasse mich oft treiben, aber ich mache auch Dinge, ohne groß darüber nachzudenken. Auf der einen Seite hatte ich viel Glück, auf der anderen Seite habe ich auch hart dafür gearbeitet. Es ist eine Mischung aus Naivität und Durchhaltevermögen. Ich bin einfach Belgier, wir haben diese Mentalität. Wir wissen, dass wir nur ein kleines Land sind, und im Grunde sehr bescheiden. Ich wollte einfach Autodesigner werden. Ich habe auch mal davon geträumt, Chef zu werden, habe aber nie gedacht, dass es auch klappen würde. Und nun bin ich Chef. Chef in einem japanischen Unternehmen. Ich wäre niemals Chef in einem deutschen Unternehmen geworden. Ich glaube, dass der Machtkampf in der deutschen Arbeitsmentalität sehr verankert ist. Das liegt mir nicht. In japanischen Unternehmen wird man Teil einer Familie, man wächst mit. Man kommt nicht weiter, wenn man laut ist. Im Gegenteil, es wird erwartet, dass man ruhig bleibt, nicht emotional wird. Da sind die Japaner den Belgier sehr viel ähnlicher.

Du leitest ein Team, wie definierst du Leadership?
Ich bin nicht der beste Designer. Ich bin kein Spezialist, aber ich habe schon immer eine Neugierde für alle Bereiche gehabt. Ich versuche immer, Einblicke in alles zu bekommen. Dadurch kann ich mit den unterschiedlichsten Leuten innerhalb des Designprozesses sprechen und kann Gegenvorschläge machen. Ich möchte verstehen, wie die Sachen funktionieren. Ich habe schon früher Dinge auseinander geschraubt, manchmal konnte ich die dann auch wieder zusammenbauen. Und ich glaube, auch das liegt wieder in der belgischen Mentalität. Wir arbeiten viel und hart im Hintergrund, wir erklimmen die Karriereleiter langsam, aber stetig und plötzlich sind wir da. Wir arbeiten eher für das Projekt, für die Firma, weniger für uns selbst. Man muss seine Stärken kennen, aber man muss sie nicht ständig laut verkünden.

„Man muss seine STÄRKEN KENNEN, aber man muss sie nicht ständig laut verkünden.“

Was hat dich nach Deutschland geführt?
für zwei oder drei Jahre. Und erst recht nicht zu Opel. Immerhin letzteres habe ich geschafft. Aber es fiel mir schwer, in Deutschland anzukommen. In Japan fühlte ich mich nach drei Monaten zu Hause, hier dauerte es drei Jahre. In Deutschland gibt es diese Wand. Da musst du durch, wenn du das geschafft hast, dann hast du Freunde fürs Leben gefunden. Aber das musst du erstmal schaffen. In Japan gibt es diese Willkommenskultur. Ich hatte und habe noch immer fantastische Kollegen dort, wir sind viel ausgegangen, man wird offen begrüßt. Deshalb ist es auch so einfach, in Japan zu reisen, die Leute sind sehr freundlich und vor allem geduldig. Dadurch habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sich um neue Leute zu kümmern. Du musst dafür sorgen, dass sie sich wohl fühlen.

Wie habt ihr dieses Haus gefunden?
Als wir aus Japan kamen, haben wir lange nach einem Haus gesucht. Zusammen mit einem Architekten haben wir uns alles angesehen, wir waren in jedem Hinterhof der Stadt. Und dann entdeckten wir zufällig dieses Haus. Es ist von 1905. Es war heruntergekommen, seit 50 Jahren hatte niemand darein investiert. Es war unterteilt in drei kleine Wohnungen. Ich mache immer den Fehler, zu denken, ich müsse selbst mit anpacken. Der Boden besteht aus Holz, Stroh und Sand. Im Dachgeschoss habe ich Sand gegraben, wie auf einem Acker. Der ganze Umbau hat zwei Jahre gedauert und eigentlich ist es noch immer nicht fertig, eigentlich renovieren wir noch immer.

Wie seid ihr den Umbau angegangen? Welche Designprinzipien beeinflussen dich und wie hat sich das von deinen Denkprozessen bei deiner Arbeit unterschieden?
Ich interessiere mich sehr für Innenarchitektur, als Designer hatte ich hier auch meinen Fokus, ich lese viele Blogs. Ich möchte einen Raum, wo man durch Struktur, Materialien und Licht und Sound eine Atmosphäre kreiert, in der man sich wohl fühlt oder nicht.
Hier im Haus haben wir einfach überlegt, wie möchten wir hier leben? Ich stehe morgens auf, wie ist dann mein Ablauf, was mache ich? Basierend auf der Struktur des Hauses, wollten wir es auch offenhalten. Wir haben alle Innenwände entfernt. Wir hatten damals schon die große Vasen-Sammlung, hierfür wollten wir Regale bauen. Die Idee war, den Kern dunkel zu halten und in diesem sollten dann auch die Vasen ihren Platz finden.

Was hat es mit den Vasen auf sich? 
Früher hatte jeder diese Vasen und wir haben sie gehasst. Einfach, weil unsere Eltern sie hatten. Bis wir sie auf Flohmärkten wiederentdeckt haben. Die Vasen sind aus den 1950er- und 1960er-Jahren, sie wurden in Westdeutschland hergestellt und waren der Anfang der Industrialisierung der Keramik. Aber das Finish wurde immer noch per Hand aufgetragen. Wir fanden Gefallen daran, kauften eine und besitzen mittlerweile über 400. Manche sind wirklich hässlich. Und doch wohnt ihnen etwas Schönes inne.

Manchmal muss man einfach ausbrechen. Wir haben direkt hinter unserem Haus auch noch einen Schrebergarten. Das ist ein Ort, wo wir tun und lassen können, was wir wollen. Ganz anders als bei der Arbeit. Ich tue nichts lieber als im Garten zu sein oder mit meinem alten VW-Bus unterwegs zu sein. In den Bus steigen bedeutet Urlaub und Freiheit. Beruflich bin ich viel in Hotels, aber im Urlaub möchte ich spontaner sein. Auch mal anhalten und ein Buch lesen. Und meistens bringt uns der Bus auch wieder zurück, bisher konnte ich jeden Schaden wieder selbst reparieren, Youtube-Videos sei Dank!

 

Intersection #43
Interview: Fay Kornmeier
Credit: Bernd Schuster

 

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