ERSTE LIEBE: UNTERWEGS MIT EINER GÖTTIN

„Ich bin eigentlich gar kein Auto-Freak.“ Damit beginnen die besten Gespräche, so auch dieses.

Jochen haben wir an der Straße aufgelesen bzw. er uns mit sei- ner Citroën DS. Nicht nur heute auf der Kurfürstenstraße, sondern auch schon 1955 bei ihrer Prämiere beim Pariser Automobilsalon, pilgern alle zu dieser Göttin. Göttin? Für die weniger frankophonen unter uns: DS, ausgesprochen „déesse“ bedeutet im Französischen „Göttin“. Das Design wirkt auch heute noch futuristisch, die Technik war es damals: von Seilzügen gesteuertes Kurvenlicht, hydraulisch unterstützte Lenkung und ein Hydropneumatik-Fahrwerk, dass mir gasgefüllten Kugelelementen ungeahnten Komfort bot. Der geräumige Innenraum mit dick gepolsterten Ledersesseln erinnert an gute Drinks und Zigarettengeruch. Und wie in jeder guten Bar kommt man hier mit dem Sitznachbarn ins Gespräch. Heutige Autos sagen mir ehrlich gesagt gar nicht so zu. Das sind ja teilweise Häuser auf Rädern, dieser ganze SUV-Trend … furchtbar. In Berlin wollte ich eigentlich gar kein Auto mehr haben. Dann hab’ ich mir aber einen Job am anderen Ende der Stadt geschossen. Mit den Öffentlichen braucht man 1,5 Stunden, mit dem Auto nur eine halbe. Also kaufst du dann doch ein Auto. Und dachte ich mir, wenn ich jetzt schon jeden Tag so weit fahren muss, dann schön. Und cool. Die DS fand ich schon immer beeindruckend. Und jetzt brauchte ich ein Auto und in der Krise waren die auch günstig. Für das Geld hätte ich vorher nur Schrott bekommen. Sie ist jetzt schon ganz gut in Schuss. Man muss trotzdem noch einiges machen. Ein Sessel muss genäht werden, im Oktober bekommt sie neue Kraftstoff- und Hydraulikleitungen und den Vergaser ausgetauscht. Aber sie fährt zuverlässig, ich fahre jeden Tag damit in die Arbeit.

Und machst du das alles selbst oder wie hast du jemanden gefunden, dem du in der Sache vertraust?
In Berlin geht ja vieles über wer-kennt-wen und der kennt dann wieder jemanden. Ich hatte vorher einen Mini, keinen alten, sondern einen neueren. Und war mit dem immer in einer freien Werkstatt. Dort habe ich dann gefragt, ob die sich auch um die DS kümmern würden. Da wurde mir aber gleich gesagt, dass man für die DS viel Geld und starke Nerven braucht. Aber die kannten jemanden in Karlshorst, den Merten. Der ist alte Schule, dem kann man vertrauen. Ich bin kein Schrauber, ich hatte früher einen 1er Golf, an dem hab’ ich noch was selbst gemacht, aber die DS ist zu komplex.

Warum ausgerechnet die DS? Was hat dich am meisten an ihr fasziniert?
Das war das Auto, das bei mir schon als Kind den größten Eindruck hinterlassen hat. Am meisten tatsächlich die Form. Ich finde, die ist Wahnsinn. Es gibt so etwas auch heute nicht, das wurde nicht in die breite Masse getragen. Das war so eine Mischung aus Ehrfurcht, Furcht und Bewunderung. Ich erinnere mich noch daran, wie wir einmal draußen spielten und jemand hat sie in unserer Nähe angelassen. Der Krach, die Bewegung, die fährt ja dann erstmal hoch. Und dann fährt sie zurück und du siehst sie von vorne an. Dieses Auto ist einfach so vielschichtig. Jede Seite sieht ganz anders aus. Und dann kam natürlich noch Louis de Funés und Fantômas, der es als Fluchtwagen nutzt, dazu. Das blieb einfach hängen. Mit Anfang 30 wusste ich, das ist das Auto, das ich am spannendsten finde. Und ich merke das jetzt auch bei anderen. Egal, wohin ich fahre, die Leute freuen sich. An der Autobahn fahren sie extra langsam vorbei, gucken und winken mir. Oder neulich stehe ich in Neukölln an der Kreuzung und das Fester neben mir geht runter und zwei so junge Typen, sagen mir, wie toll sie dieses Auto finden. Das ist der Knaller.

„Diese Auto hat einfach einen wahnsinnigen SYMPATHIE-EFFEKT.“

Du erlebst als genau das Gegenteil von der sogenannten Neid-Gesellschaft, hast ein ganz anderes Erlebnis als so manch’ ein Sportwagenfahrer auf deutschen Straßen?
Du kannst ja mit diesem Auto nicht mal schnell fahren. Allein die Schaltwege sind dafür schon zu lang. Du bist gemächlich unterwegs, du musst Abstand halten. Die Bremse haut schon rein, aber sie hat halt kein ABS. Du stehst dann halt. Du musst vorrausschauend fahren. Aber auch in unübersichtlichen Verkehrssituationen kann man entspannt bleiben. Denn die anderen werden beim Anblick der DS ganzrücksichtsvoll. Selbst in Kreuzberg bleiben die Leute freundlich, machen Platz und lassen dich rein. Dieses Auto hat einfach einen wahnsinnigen Sympathie Effekt. Selbst aus der ayurvedischen Lastenrad-Ecke bekomme ich Komplimente dafür.

Wenn wir schon bei Klischees sind, welche gibt es über die Citroën DS?
Natürlich das Göttliche. Dass sie über die Straßen schweben würde. Das ist ja auch eine gewisse Anerkennung und Zurückhaltunggegenüber dem Auto. Die Leute gehen, wie gesagt, sehr respektvoll mit einem um. Das kommt ja in Berlin eher selten vor. Ich mag’s aber tatsächlich eher casual. Auch an meinem Freundeskreis ist nichts Göttliches. Wir sind eher so ‚Guten Tag, hier sind wir!’. Wir wollen alle eher entspannt sein, wir sind Rabauken. Und da passt auch die DS wieder. Am Ende ist sie zwar die Göttliche, aber nicht super fancy. Das Einzige, was mir noch fehlt, ist eine gute Soundanlage.
Aber auch die braucht es ja in einer guten Bar nicht unbedingt. Cheers, Jochen!

 

Intersection #43
Interview: Fay Kornmeier
Credit: Volker Conradus

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